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Frida Michelson

Überleben im Holocaust

Sie mussten für Leidensgenossen, die aus Deutschland deportiert werden sollten, Platz machen: Frauen, Kinder, alte Männer – lettische Juden und Jüdinnen, die seit Oktober 1941 im Ghetto von Riga eingesperrt waren. Knapp 28 000 Menschen wurden am 30. November und am 8. Dezember 1941 in den Wald von Rumbula bei Riga getrieben.

Sie mussten sich in der eisigen Kälte bis auf die Unterwäsche ausziehen und ihre Jacken, Mäntel und Kleider auf verschiedene Haufen ablegen, bevor auf sie geschossen wurde. Die Schneiderin Frida Michelson, 35 Jahre alt, war eine von ihnen. Es gelang ihr, unter einem Kleiderberg auszuharren – einen Tag und eine Nacht. Sie war eine von sechs Personen, die diesem von Deutschen und lettischen Kollaborateuren verübten Massaker entkam. Drei Jahre versteckte sich Michelson danach in Riga und Umgebung – und überlebte.

Ihr aufrüttelnder Bericht beginnt mit dem Angriff der Deutschen auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 und der Einnahme ihrer Heimatstadt Riga. Sie erzählt sachlich, aber zugleich sehr bewegend vom Leben im Ghetto, von ihrer Flucht und Irrfahrt von einem Versteck zum anderen, von Todesgefahr. Ohne ihren eisernen Überlebenswillen hätte sie diese Zeit nicht überstanden.

Zeugnis ablegen von dem, was sie erlebt hatte – das war ein Gedanke, der Frida Michelson am Leben hielt. Aber nach dem Krieg war da nur ein kurzer Moment, in dem sie gehört wurde. Als Zeugin für die NS-Verbrechen gab sie ihre Erlebnisse den sowjetischen Behörden zu Protokoll. Ihr Bericht wurde für die Prozesse von Riga und Nürnberg 1946 eingesetzt, danach ging er verloren, und es war bald auch besser, seine jüdische Herkunft zu verschweigen, denn es stand der Verdacht im Raum, man habe nur überlebt, weil man mit den Nazis kollaboriert hatte. Michelsens Mann – ebenfalls Überlebender des Holocaust in Riga – wurde deshalb für mehrere Jahre nach Sibirien deportiert.

1966 brachte Michelson ihre Erinnerungen erneut zu Papier. 1973 wurden sie in Israel publiziert, aber erst vor kurzem wurde ihr Bericht ins Deutsche übersetzt. Er erinnert an den Holocaust in Lettland, der hierzulande weniger wahrgenommen wurde. Überleben, das wird deutlich, erforderte auch, dass man andere im Stich ließ. Frida Michelson schildert, wie sie – selbst auf das Mitleid und die Hilfe anderer angewiesen – Leidensgenossen nicht weiterhalf, um sich selbst nicht in Gefahr zu bringen. Der Gedanke „nagt bis zum heutigen Tag an mir“, schreibt sie. Auch andere Details gehen unter die Haut, wenn sie etwa erzählt, wie die Ghetto-Bewohner begannen, sich sportlich zu betätigen, nachdem sie bei der ersten Deportation miterlebt hatten, dass Menschen wie Tiere durch die Straßen getrieben und auf der Stelle erschossen wurden, wenn sie nicht schnell genug waren.

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Frida Michelsons Geschichte ist aber auch die Geschichte der stillen Helden: der Bauernfamilie Berzins im Umland von Riga, die sie für ein paar Nächte aufnahm und ihr Arbeit verschaffte, oder der Adventistin Olivia, die drei Winter lang beharrlich nach wechselnden Unterschlupfmöglichkeiten für Frida Michelson suchte. Sie wagten, was andere versäumten.

Rezension: Angelika Schindler

Frida Michelson
Ich überlebte Rumbula
Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2020, 222 Seiten, € 22,–

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