Jean-Luc Bellanger Vom Häftling zum Chefredakteur - wissenschaft.de
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Jean-Luc Bellanger

Vom Häftling zum Chefredakteur

Nach der Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg schlossen sich viele Französinnen und Franzosen Widerstandsgruppen an. Zu ihnen gehörte in Angers auch der Schüler Jean-Luc Bellanger. 1942 wurde der 17-Jährige zusammen mit zwölf weiteren Mitgliedern seiner Gruppe verhaftet und – aufgrund seines Alters – vom Kriegsgericht in Paris nicht zum Tod, sondern „nur“ zu zehn Jahren Haft wegen „Feindbegünstigung“ verurteilt.

Von der Festungshaft in Hauteville bei Dijon wurde er über Freiburg in das Strafgefängnis nach Wolfenbüttel gebracht, wo er am 19. August 1942 unter der Häftlingsnummer 612/42 aufgenommen wurde. Knapp drei Jahre verharrte er als politischer Gefangener dort bis zur Befreiung.

Über diese Zeit hat Bellanger einen eindrucksvollen Bericht verfasst, der ursprünglich nur für seine Familie gedacht war und der jetzt in einer ansprechenden Ausgabe publiziert worden ist. Berichte von Überlebenden stellen für das Erinnern und Vermitteln der Verfolgungserfahrung im „Dritten Reich“ eine herausragende Quelle dar. Dazu gehört auch der sehr detailreiche Bericht Jean-Luc Bellangers. Er schildert etwa präzise den Haft-alltag und sein Wirken als Sanitäter und Bibliothekar – aufgrund seiner Deutsch-Kenntnisse konnte der aufmerksame und kluge Beobachter nämlich seine Haftbedingungen wesentlich verbessern.

Das Strafgefängnis Wolfenbüttel war die zentrale Haftanstalt im ehemaligen Land Braunschweig und seit 1937 im Rahmen der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik eine von zwei zentralen Hinrichtungsstätten in Norddeutschland. Mehr als 500 Frauen und Männer aus verschiedenen Ländern Europas wurden hier, vor allem wegen ihres Widerstandes gegen die NS-Herrschaft, ermordet. Im November 1938 wurden die während der Pogromnacht verhafteten Juden hier gesammelt, bevor sie in das Konzentrationslager Buchenwald transportiert wurden. 1944 wiederum brachte man Gefangene aus den geräumten Gefängnissen der besetzten Länder nach Wolfenbüttel. Die Überbelegung, die schlechte Versorgung und sich ausbreitende Krankheiten erhöhten die Todesrate dramatisch. Heute erinnert eine neukonzeptionierte Gedenkstätte an diese Geschichte der Haftanstalt.

Am 11. April 1945 befreiten amerikanische Soldaten das Gefängnis. Bellanger wurde stellvertretender Gefängnisdirektor, bevor er am 12. Mai 1945 nach Frankreich zurückkehrte. Dort studierte er politische Wissenschaften und absolvierte eine Journalistenausbildung. Von 1949 an wirkte er bei Radio France Internationale, von 1981 bis zum Ruhestand 1987 als Chefredakteur. Darüber hinaus engagiert er sich in der Vereinigung der Deportierten und Widerstandskämpfer, für deren Monatszeitschrift er kontinuierlich schreibt. 1987 kam er erstmals nach Wolfenbüttel zurück und beteiligte sich später aktiv an der Gestaltung der Gedenkstätte in der Kommission ihres Beirats. Als Zeitzeuge erzählt er regelmäßig in Schulen von seiner Verfolgungserfahrung. „Könnte dieser Bericht dazu beitragen, dass der Fremde nicht mehr als Feind gelten kann, dass aber Träger unmenschlicher Ideologien zum Schweigen gebracht werden, so wären wir wohl einen Schritt weiter gekommen“, beendet er seinen Rückblick.

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Rezension: Prof. Dr. Dr. Rainer Hering

Jean-Luc Bellanger
„Feindbegünstigung“.
Als politischer Häftling im Strafgefängnis Wolfenbüttel
Wallstein Verlag, Göttingen 2018, 260 Seiten, € 29,90

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