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Stefan Rebenich

Vorbild Antike

Am Anfang stand Wilhelm von Humboldt. Seine Bildungsreform konnte er im geschlagenen Preußen nur deshalb in so verblüffend kurzer Zeit auf den Weg bringen, weil sie bestehende Strömungen und Bestrebungen aufnahm. Bildung sollte nicht länger Reservat ständischer Privilegien sein, sondern ein Prozess, in dessen Verlauf eine bürgerliche Gesellschaft wachsen konnte. Sie zielte auf Reflexivität und Fortschritt, indem sie zu wissenschaftlicher Produktivität befähigte.

Dass als Inhalt die klassische, besonders die griechische Antike in den Mittelpunkt treten musste, war im Land von Winckelmann, Schiller, Goethe und Schleiermacher naheliegend. Doch erst ihre Integration in die Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft – in Schulen, Universitäten und Zertifikate sowie in die Bücherschränke – machte die Antike in Deutschland zur gestaltenden Kraft auf dem Weg in die Moderne.

Dabei blieben Spannungen und Paradoxien nicht aus. So konnte eine normative Vorbildlichkeit dem Seziermesser der Wissenschaft nicht lange standhalten. Eine disziplinär immer weiter ausdifferenzierte Antike wurde in der Forschung historisiert, zu einer ihren eigenen Entwicklungsgesetzen folgenden Epoche unter mehreren.

Wie das Altertum seit 1800 in Deutschland konstruiert, rezipiert und transformiert wurde, in schulischer Bildung, akademischer Forschung sowie in Wechselwirkung mit Politik und Zeitgeist, das ist Thema der Studien, die der Berner Althistoriker Stefan Rebenich im vorliegenden Buch zu einer großen Synthese gestaltet hat. Dabei sind verdichtete Epochenüberblicke – etwa zu den Altertumswissenschaften im 19. Jahrhundert, nach dem Ersten Weltkrieg, während des Nationalsozialismus und im geteilten Deutschland – verschränkt mit Fallstudien zu wegweisenden Forschern wie Johann Gustav Droysen, Theodor Mommsen, Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff und Alfred Heuß.

Ein besonderes Augenmerk gilt den institutionellen Rahmenbedingungen an Universitäten und Akademien sowie den im Zeichen großer wissenschaftlicher Unternehmungen so wichtigen nationalen wie internationalen Kommunikationen. Neue Forschungsfelder wie die Ägyp-tologie, die Spätantike oder die Kirchenväter gewinnen ebenso Profil wie ambivalente Konzepte, etwa in den Forschungen zu Wertbegriffen und zur Begriffsgeschichte.

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Der kritische Rückblick lässt den Autor optimistisch in die Zukunft blicken: Vereinfachende Aneignung und wüste Verdammung des griechischen und römischen Altertums seien nie von Dauer gewesen. Das Spezifische der Epoche werde durch den globalen Vergleich deutlicher erkennbar werden. Vor allem aber vermag das antike Erbe auch weiterhin den Menschen aus intellektueller, politischer und moralischer Unmündigkeit zu befreien, weil es jedem Einzelnen, unabhängig von Herkunft, Religion, Nation und Hautfarbe, individuell etwas sagt, das über den Tag hinaus Bestand hat.

Rezension: Prof. Dr. Uwe Walter

Stefan Rebenich
Die Deutschen und ihre Antike
Eine wechselvolle Beziehung
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2021, 496 Seiten, € 38,–

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Pur|pu|rin  〈n. 11; unz.〉 scharlachroter Anthrachinbeizenfarbstoff, der in der Krappwurzel vorkommt, chem. Trioxyanthrachinon

Re|pli|kat  〈n. 11; Kunst〉 genaue Nachbildung einer Skulptur [→ Replikation ... mehr

Nas|horn|kä|fer  〈m. 3; Zool.〉 Riesenkäfer, der sich in feuchtwarmer Humuserde (Komposthaufen) entwickelt: Oryctes nasicornis

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