Gentile, Carlo Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943-1945 - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Gentile, Carlo

Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943-1945

Die Verbrechen, die deutsche Einheiten während des Zweiten Weltkriegs in Italien verübt haben, sind weniger bekannt als jene in der Sowjetunion. Der in Köln lehrende Historiker Carlo Gentile zeichnet diese Gewaltaktionen minutiös für alle Regionen Italiens nach, gestützt auf die breite italienische Forschung, vor allem aber auf eine enorme Fülle von Archivalien deutscher und italienischer Herkunft. Ihm gelingt es dabei, ein Gesamtbild der verübten Gewalttaten zu schaffen, aber auch ihre Realität innerhalb einzelner Dörfer oder gar Gehöfte zu rekonstruieren. An manchen Stellen vermisst der Leser allerdings Landkarten zur Orientierung.

Die Gewalttaten deutscher Truppen gegen Zivilisten und gefangene Partisanen verliefen, regional unterschiedlich, in Wellen. Am Anfang standen die Zusammenstöße bei der deutschen Besetzung 1943, dann aber – beim Rückzug vor den Alliierten – kam es vor allem zur Ermordung von Zivilisten, die sich gegen deutsche Gewalt und Plünderung wehren wollten. Ihren Höhepunkt erreichten die Massaker im Sommer 1944, als sich die Wehrmacht aus Mittelitalien zurückzog und zugleich der Partisanenkrieg eskalierte. Die deutschen Befehlshaber verschärften nun gezielt die Gewaltmaßnahmen, obwohl die Wehrmacht-Führung eher ein rechtskonformes Vorgehen anmahnte. Erst Ende 1944 kam es zur Deeskalation, gleichzeitig wurden den Partisanen schwere militärische Schläge versetzt.

Der Autor analysiert in einem zweiten Schritt die Rolle der einzelnen Verbände und ihres Personals. Dabei schält sich heraus, dass Einheiten der Waffen-SS deutlich brutaler vorgingen, gefolgt von Bodenverbänden der Luftwaffe. Vor allem junge Offiziere und Soldaten radikalisierten das Vorgehen; diese schwankten zwischen einer Angstpsychose angesichts des „unsichtbaren“ Gegners und der Bereitschaft zu äußerster Gewalt. Freilich kann Gentile zeigen, dass trotz aller individueller „Mikrogewalt“ die Rolle der Befehlshaber von entscheidender Bedeutung blieb. Dies lässt sich gerade am unterschiedlichen Vorgehen der einzelnen Verbände dokumentieren, denn manche von ihnen griffen kaum zu Repressalien.

Insgesamt bleibt jedoch zu konstatieren, dass die Wehrmacht und besonders die Waffen-SS auch in Italien schnell bereit waren, völkerrechtliche Regeln zu verletzen und Kriegsverbrechen zu begehen. Ob dies aus stärker situativen und militärischen Konstellationen herrührte und weniger aus rassistischen Grundüberzeugungen, wie der Autor feststellt, muss noch im Vergleich zum sowjetischen Kriegsschauplatz untersucht werden. Auf jeden Fall kann man den Hut ziehen vor dieser imponierenden Forschungsleistung.

Rezension: Prof. Dr. Dieter Pohl

Anzeige

Gentile, Carlo
Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943-1945
Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn/München/Zürich/Wien 2012, 466 Seiten, Buchpreis € 44,90
Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Bildband DAMALS Galerie

Anzeige

Wissenschaftslexikon

Kar|zi|no|se  〈f. 19; Med.〉 über den ganzen Körper ausgedehnte Krebsbildung [<grch. karkinos ... mehr

Mit|tel|hirn  〈n. 11; Anat.〉 mittlere der drei embryonalen Hirnblasen der Wirbeltiere: Mesenzephalon

Sma|ragd|ei|dech|se  〈[–ks–] f. 19; Zool.〉 Angehörige einer grünen Art der Eidechsen: Lacerta viridis

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige