Mit der animalischen Unterscheidung gelingt es Berlin, Tolstoi zu verstehen. Der Dichter war seiner Natur nach ein Fuchs, aber er glaubte, ein Igel zu sein. Tolstois Geschichtsauffassung kann man seinem Roman „Krieg und Frieden“ entnehmen, in dem sich das persönliche Leben auf einem sozialen Ameisenhaufen entfaltet. Laut Literaturhistorikern beschreibt Tolstoi Menschen, die wie Atome ein bewusstes Leben „für sich“ führen, während sie zugleich als unbewusste Träger der historischen Entwicklung agieren, in die der Dichter sie einbettet.
Beim Lesen des Essays kam mir die Idee, von der literarischen in die wissenschaftliche Welt zu springen, denn der Dualismus taucht im frühen 20. Jahrhundert auch in der Physik auf, als Albert Einstein der Wellenbeschreibung des Lichts den Teilchenaspekt an die Seite stellt (wofür ihm später der Nobelpreis verliehen wurde). Als sich dann zeigte, dass sich umgekehrt Teilchen wie Elektronen wellenförmig ausbreiten können, musste die Dualität ernst genommen werden – was Niels Bohr versuchte, der im Jahr nach Einstein Nobellaureat wurde. Bohr vertrat den Gedanken der Komplementarität, der es den Dingen erlaubt, sowohl in Teilchenform an einem Ort als auch zugleich in der Wellenbewegung im ganzen Raum verteilt zu sein.
Obwohl Bohr viele Ideen in die Physik einbrachte, wurde er mit der Komplementarität zum Igel, dem der Fuchs Einstein mit Tausenden von Vorschlägen beizukommen versuchte. Er lehnte Bohrs „große Sache“ als Beruhigungsphilosophie ab. Sie passte Einstein überhaupt nicht, weil bei Bohr ein Subjekt bestimmen konnte, ob sich das betrachtete Objekt – das Licht oder ein Elektron – als weltweite Welle oder präzise positioniertes Partikel zeigt. Bohrs großer Gedanke gab dem alten Atom eine neue Bedeutung. Es war nicht mehr ein unteilbares Gebilde „für sich“, es stellte erst durch den beobachtenden Menschen ein geschlossenes Ganzes dar. Diese Einsicht zeigte den Physikern, wie die Welt von innen her zusammenhält. Der Fuchs Einstein versuchte, rational raffiniert dagegen vorzugehen, aber der Igel Bohr wehrte ihn mit seinem Mut zur Irrationalität ab. Dazu brauchte er alle seine Stacheln.





