Doch der genaue Mechanismus dieses Magnetsinns und das Funktionieren des dazugehörigen Kompasses konnten noch nicht verstanden werden – wobei die bekannteste Hypothese von einer auf Quantenmechanik beruhenden Dynamik des Spins ausgeht. Dieser spielt demnach in Molekülen mit ungepaarten Elektronen – bekannt als Radikale – eine Rolle, die in Cryptochrom-Proteinen innerhalb der Retina der Vogelaugen zu finden sind. Man glaubt es kaum, wie rasch das scheinbar einfache Problem des Magnetsinns der Vögel zu Vermutungen über höchst komplizierte molekulare Wechselwirkungen führen kann.
Um für diese Theorie solide Evidenz zu erlangen, wäre es hilfreich, an genetische Modifikationen der Zugvögel zu kommen und deren molekulare Besonderheit untersuchen zu können – was sich aber seit Jahren als unüberwindliches Hindernis erweist. So ist die Idee aufgekommen, sich der Fruchtfliege Drosophila zuzuwenden, die den idealen genetischen Modellorganismus abgibt. Bei ihr meinte man die Einflüsse von Magnetfeldern auf das Flugverhalten nicht nur feststellen, sondern sogar auf die Radikale von Cryptochrom-Proteinen zurückführen zu können. Daher wollte man „Butter bei die Fische“ geben, und hat über 100.000 Fliegen in unterschiedlichen Fluganordnungen unter die wissenschaftliche Lupe genommen, um Evidenz für ein Verhalten von Drosophila zu finden, das auf Wahrnehmung von Magnetfeldern beruht.
Leider ist die Sache schiefgegangen, denn wie die Überschrift des dazu verfassten und in Nature publizierten Artikels zusammenfasst: „Keine Evidenz für Effekte von Magnetfeldern auf das Verhalten von Drosophila“. „Ein großer Aufwand, schmählich!, ist vertan“, wie es in Goethes Faust heißt. Oder doch nicht? Wenn man sich auf die Riesenstudie näher einlässt, die den Magnetsinn der Fliege meinte nachgewiesen zu haben, stellt man fest, wie verrauscht diese Wahrnehmung ist und wie sehr sie von anderen Reizen verdrängt wird.
Viel Grund, sich zu wundern – auch über die Frage, woher Menschen überhaupt vom Erdmagnetfeld wissen. Wir sehen, hören, spüren und fühlen es nicht und haben lange gebraucht, um seinen Ursprung zu verstehen. Eine saubere Theorie des Magnetismus gibt es bis heute ebenso wenig wie für dazugehörige magnetische Ladungen. Man braucht die Modellvorstellung kreisender Elektronen und ihres Spins, um ein Magnetfeld hinzubekommen, das unserer sich drehenden Welt ihre schützende Hülle gibt, mit dem der Sonnenwind abgelenkt wird, der Gene zerstören kann. Immerhin haben Magnetfelder ihren humanen Sinn. Das mit den Vögeln wird sich finden.





