Poskett führt vor, wie umfassend große europäische Gelehrte wie Kopernikus, Newton und Darwin von außereuropäischen Quellen profitiert haben, und er meint sogar, dass sie von ihnen abhängig waren. Ich glaube das nicht, auch wenn man liest, dass sich Kopernikus „auf philosophische Ideen aus Persien, astronomische Tafeln aus dem muslimischen Spanien und Planetenmodelle von ägyptischen Mathematikern“ stützte. Zwar kann man dies zu dem Schluss nutzen, dass sein Buch „Über die Umlaufbahnen der Himmelssphären“ von 1543 „ein klassisches Renaissancewerk der Synthese“ ist, wie Poskett es beschreibt. Jedoch sollte man merken, dass damit erneut ein europäischer Begriff auftaucht und Erkenntnisse aus der alten Welt liefert.
Poskett betont am Ende seiner „Horizonte“, dass „wir eine neue Wissenschaftsgeschichte brauchen, die die Welt, in der wir leben, besser widerspiegelt.“ Man kann dem sicher zustimmen, allerdings glaube ich, dass den Menschen noch nicht einmal die alte Wissenschaftsgeschichte vermittelt wird oder bekannt ist. Gewiss ist es ausgeschlossen, die Gegenwart zu verstehen, ohne einen Blick auf das historische Werden der Wissenschaften zu werfen, aber das scheint hierzulande niemanden zu interessieren.
Viele Historiker beschrieben die Geschichte jedenfalls ohne die der Wissenschaften, und damit befördern sie die kulturelle Krise, in der moderne Gesellschaften stecken. Die Welt, in der die Menschen leben, ist ihnen fremd geworden. Und leider bleibt sie ihnen auch nach der Lektüre der „Perspektiven einer globalen Ideengeschichte“ weiter fremd, die Martin Mulsow als Professor für Wissenskulturen seit Kurzem unter dem ungewöhnlichen Titel „Überreichweiten“ anbietet. Von Überreichweiten ist die Rede, wenn ein weit entfernter Radiosender einen näher gelegenen derselben Frequenz aufgrund einer Inversionswetterlage überlagert. Als Konsequenz vermischen sich im Radio die Töne beider Sender.
Auf eben diese Weise erzählt Mulsow die globale Geschichte von Ideen, nämlich als eine Sammlung von sich überlagernden Störgeräuschen: Über viele hundert Seiten werden ganze Bündel von Fehlgriffen vorgestellt, „die zu weit, zu nah, zu unpräzise oder völlig verfehlt sind“, wie zu lesen ist. Und bald glaubt man nicht mehr, etwas von dem lernen oder verstehen zu können, was Menschen als Ideen produziert haben. „Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?“, hat Georg Christoph Lichtenberg im 18. Jahrhundert gefragt, und ich stelle mir die Frage bei jeder Lektüre.
Ich glaube nicht, dass ich diesmal Schwierigkeiten mit der Antwort habe. Nach der Lektüre der „Überreichweiten“ fühlt sich mein Schädel leer an. Man fühlt sich wie Faust, wenn er murmelt, „das steh‘ ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor!“ Dabei wollte sein Geist alles überreichen.





