Haidt vermeldet, dass Teenager mehr depressive Phasen erleben, dass Mädchen anfangen, sich gegenseitig zu verletzen, dass ihre Suizidrate steigt, dass mehr Schüler über Angststörungen klagen und so weiter. Wenn sich der Sozialpsychologe auch vornehmlich auf Daten aus den USA bezieht, ärgern sich deutsche Entwicklungspsychologen über Haidts einseitige und holzschnittartige Darstellung, und sie beklagen vor allem, dass er nicht auf Faktoren wie die Corona-Pandemie, die bedrückende wirtschaftliche Lage und vor allem nicht auf die Opioid-Krise – Stichwort Fentanyl – eingeht. Die Verkaufszahlen mindert das jedoch nicht. Offenbar muss man nur genug Angst verbreiten und behaupten, was offenkundig scheint und in der Formulierung ausgedrückt werden kann, „je dümmer, desto Handy“.
Auf neue Technologien schimpfen
Wie immer lohnt an dieser Stelle ein Blick in die Geschichte, in der oftmals neue Techniken oder Technologien verflucht wurden, weil die den Menschen Schaden zufügen könnten. Der weise Sokrates hat vor mehr als 2.000 Jahren vor dem Gebrauch geschriebener Texte gewarnt, da der Rückgriff auf die papierne Form der Gedanken dem Gedächtnis schaden und das Lernen verzögern würde. Als in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Produktion von Zeitungen, Magazinen und aufwendig gestalteten Büchern zunahm, gerieten die Herren der Schöpfung in Panik, weil das Lesen solcher Erzeugnisse doch die Moral ihrer Ehefrauen schwächen und sie als Mütter dazu bringen würde, ihre Kinder zu vernachlässigen. Im 20. Jahrhundert kam die Klage auf, das Radio würde die Kinder dazu verführen, ihre Freizeit vor den entsprechenden Geräten zu verbringen – oder analog das Fernsehen, um ein weiteres Medium anzuführen, das für Furore sorgte, bevor in den 1990er-Jahren das Internet ins Zentrum der pädagogischen Sorgen und psychologischen Kritik geriet.
Der Verfasser dieser Zeilen wendet sich von Leuten ab, die es nicht lassen können, auf ihr Handy zu starren, während er mit ihnen spricht, und es kommt ihm so vor, dass die Liebe zum Smartphone etwas mit Angst zu tun hat. Er meint aber eine andere Angst als der Sozialpsychologe. Er meint die innere Leere von Menschen, die Angst davor haben, ihre Freizeit sinnvoll zu füllen und ihr Leben selbstbestimmt zu führen. Die Unmündigen sehen in sich hinein, finden nichts und starren mit leeren Augen auf ihr Handy. Ich kann nicht glauben, dass Psychologen das nicht merken.





