Vielleicht ist es aber gerade die tiefe Sehnsucht nach universellen „Wahrheiten“ zur Erklärung fundamentaler Lebensprozesse, die Biologen dazu treibt, allzu gerne zu dem starken Begriff „Dogma“ zu greifen. Auch wenn sie damit eigentlich zunächst nur „Hypothese“ meinen.
Vorgaben für die Faltung
Nehmen wir etwa das „thermodynamische Dogma“ des US-Biochemikers und Nobelpreisträgers Christian Anfinsen. In den frühen 1960er- bis 1970er-Jahren publizierte er in mehreren Arbeiten seine thermodynamische Hypothese der Proteinfaltung. Diese besagt, dass sich jede Aminosäurekette unter normalen Bedingungen in der Zelle immer in genau dieselbe dreidimensionale Proteinstruktur faltet. Diese Struktur sei jedem Protein durch die Sequenz seiner Aminosäure-Bausteine thermodynamisch zwingend vorgegeben, und aus diesem Zwang gebe es kein Entkommen.
Auch wenn Anfinsen selbst den Begriff in seinen Veröffentlichungen nie verwendete, wurde seine Hypothese im wissenschaftlichen Diskurs bald zum „thermodynamischen Dogma“ oder gar zu „Anfinsens Dogma“ erhöht, um deren vermeintlich grundsätzliche Wahrheit zu betonen. Dies geschah allerdings voreilig. Denn schon seit einiger Zeit kennen wir jede Menge „Dogmabrecher“. Dazu gehören etwa sogenannte metamorphe Proteine, die zwischen zwei oder mehr Konformationen mit ähnlicher thermodynamischer Stabilität hin und her wechseln können. Oder intrinsisch ungeordnete Proteine (IDPs), die für sich allein gar keine feste Struktur haben und sich erst nach Bindung an DNA, RNA oder andere Proteine jeweils verschieden falten. Oder Proteine, deren Aminosäureketten ohne die Hilfe von spezifischen Faltungshelfer-Proteinen – sogenannten Chaperonen – überhaupt keine korrekte Struktur bilden können und sich ansonsten falsch oder gar nicht falten. Oder Proteine, die ihre korrekte Struktur erst nach sequenzunabhängigen Modifikationen der Aminosäurekette wie dem Anhängen von Zucker-, Phosphat- oder anderen Molekülen bilden können.
All dies sind Beispiele dafür, dass sich Aminosäureketten sehr wohl flexibel über die thermodynamischen Zwänge hinwegsetzen können, die ihnen durch die reine Abfolge ihrer Bausteine auferlegt sind. Mehr noch: Gerade dies ermöglicht den Zellen oftmals, sich an Veränderungen ihrer Mikroumgebung oder ihres Status im Gewebe anzupassen.
Andere vermeintliche Dogmen in der Biologie erlitten ein ähnliches Schicksal und wurden ebenfalls vom hohen Sockel der universellen Wahrheit gestürzt. So etwa auch dasjenige, dass sich im Gehirn von Erwachsenen keine neuen Nervenzellen mehr durch Teilung bilden. Geknackt wurde es spätestens um die Jahrtausendwende, als man vor allem im Hippocampus teilungsaktive neuronale Stammzellen aufspürte, die stetig neue Nervenzellen nachliefern.





