Nicht zuletzt deshalb ist die Suche nach universellen Regeln eines der größten Ziele der Wissenschaft. Besonders die Mathematik und Physik sind ja auch sehr erfolgreich darin. Zwei plus zwei macht immer vier – zu jeder Zeit und überall im Universum. Ebenso universell gilt etwa Newtons Gesetz zur Wirkung der anziehenden Gravitationskraft zwischen zwei Massepunkten.
In der Biologie ist es da schon deutlich schwieriger. Klar, die Gesetze der Physik und Chemie gelten natürlich auch für lebende Organismen – etwa das Gravitationsgesetz oder der zweite Hauptsatz der Thermodynamik. Und sicher, auch in der Biologie gibt es „Regeln“, die uns allgemeingültig vorkommen. Zum Beispiel, dass Leben und Vererbung grundsätzlich auf Nukleinsäuren basieren. Aber gilt das tatsächlich für das ganze Universum? Und für alle Zeiten? Schon schwammiger, oder?
Als Sydney Brenner, Pionier der Molekularbiologie und Nobelpreisträger des Jahres 2002, einmal gefragt wurde, ob diejenigen, die in der Biologie nach allgemeingültigen Regeln und Gesetzen suchen, nicht oftmals enttäuscht würden, antwortete er: „Ja, das stimmt. In der Biologie gibt es einfach keine allgemeingültigen Wege, wie man etwas verstehen kann. Das ist typisch für die Biologie. Biologie ist das Gebiet, in dem das Beispiel alles ist. Es ist nicht Beispiel für irgendetwas anderes. Es ist, was es ist. Und zwar, weil die Details zählen. In der Biologie geht es eher zu wie im Ingenieurwesen. Ingenieure bauen zum Beispiel verschiedenste Brücken – ohne eine allgemeingültige Theorie zu haben. Zwar gelten gewisse Gesetze und Theorien auch bei Brücken, aber umgekehrt kann man mit ihnen keineswegs deren Eigenschaften vollumfassend beschreiben. Ähnlich funktionieren die Dinge in der Biologie. Und daher denke ich, dass die Biologie einfach ein Teil der Natur ist, der nicht von Gesetzen abhängt.“
Ingenieurleistungen der Natur
Schönes Beispiel, das mit den Brücken! Schauen wir uns also ein paar analoge „Ingenieurleistungen“ aus der Biologie an: Wer schnell durchs Wasser schwimmen muss, braucht einen stromlinienförmigen Körperbau – ob Hecht, Pinguin, Delphin oder Krokodil. Und wer aktiv durch die Lüfte fliegt, hat Flügel – ob Vogel, Fledermaus, Insekt oder die Flugsaurier der Kreidezeit.
Es scheint also klar: Wenn verschiedene Organismen dieselbe Art Lebensraum bevölkern, finden sie in der Regel ähnliche Lösungen, um die Herausforderungen zu meistern, denen sie sich dort stellen müssen. „In der Regel“? Steckt also doch eine allgemeine Regel dahinter? Nicht wirklich. Es ist vielmehr wie bei Brenners Brücken-Beispiel. Jeder der genannten Organismen verfügt über unterschiedliches „Ausgangsmaterial“, um daraus auf ganz eigene Weise analoge Lösungen zu basteln. So entwickelten die Ahnen der Insekten ihre Flügel als Ausstülpungen ihres Chitin-Panzers; die ersten Vögel hingegen schmückten ihre Vorderextremitäten mit Federn, die ihre Vorfahren wiederum aus den Keratin-Schuppen der Echsenhaut entwickelt hatten; und die Linie der Fledermäuse begann, als diese große Hautlappen zwischen ihre langen Finger spannten.





