Nehmen wir einmal an, dass wir dieses Ziel tatsächlich erreichen: Was wäre die Folge? Anders als man vielleicht vermuten könnte, würde die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre nicht einfach stabil bleiben, sondern mit der Zeit sogar abnehmen. Denn durch natürliche Austauschprozesse würden die Gase langsam von den Ozeanen und dem Land aufgenommen werden. Folglich würde sich der Treibhauseffekt mit der Zeit verringern. Da in der Erde aber noch einiges an Wärmeenergie gespeichert ist, die erst nach und nach in den Weltraum abgegeben werden kann, würde die globale Durchschnittstemperatur nicht sofort anfangen zu sinken. Zumindest würden sich dann aber Treibhauseffekt und Energieabgabe in den Weltraum ziemlich genau die Waage halten. Die Temperatur würde daher nicht weiter ansteigen, sobald wir Netto-null-Emissionen erreichen.
Das klingt ja zunächst gar nicht so schlecht. Entscheidend ist jedoch, bei welcher Treibhausgas-Konzentration – und damit, bei welcher Temperatur – der Netto-null-Wert erreicht wird. Immerhin sagt „Netto-null“ letztlich nur, dass die Konzentration konstant bleibt, nicht jedoch, bei welchem Wert dieser Zustand eintritt. Das Netto-Null-Ziel ist daher nur in Verbindung mit einem Gesamtemissionsziel sinnvoll – und das sieht nach aktuellen Schätzungen in etwa folgendermaßen aus:
Um das Ziel, die Erderwärmung entsprechend dem Pariser Klimaabkommen auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit zu erreichen, darf die Menschheit insgesamt nur noch 400 bis 800 Milliarden Tonnen Kohlendioxid ausstoßen. Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass der jährliche Ausstoß gegenwärtig bei 55 Milliarden Tonnen liegt und die Menge Jahr für Jahr weiter ansteigt.
Wenn es überhaupt noch eine Chance geben soll, die Klimaziele zu erreichen, müssten die Emissionen laut diverser Prognosen noch vor 2030 ihren Höhepunkt erreichen und bis etwa 2050 auf Netto-Null sinken. Betrachtet man jedoch die Entwicklung der globalen Emissionen in den letzten Jahren, wirkt es eher so, als wären wir nicht zur „Netto-Null“, sondern geradewegs zu „Netto-Unendlich“ unterwegs: Immer weiter schraubt sich der Ausstoß in die Höhe. Das 1,5-Grad-Budget wäre auf diese Weise bereits 2030 ausgeschöpft. Nach Berechnungen des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC) werden die Temperaturen bis 2040 weiter ansteigen und in allen realistischen Szenarien die 1,5-Grad-Grenze überschreiten.
Wie weit sind wir also auf dem Weg zu Netto-null-Emissionen? Nun ja: offensichtlich nicht sehr weit. Aber es ist nicht ganz so schlimm, wie es klingt. Schaut man sich nämlich die Zahlen genauer an, fällt auf, dass der Anstieg der Treibhausgas-Emissionen in den vergangenen Jahren hauptsächlich von China verursacht wurde. Und wir sollten uns darauf vorbereiten, dass Indien wahrscheinlich bald mit China gleichziehen wird. In Europa sieht es hingegen ganz anders aus: Dort sind die Emissionen nach einem Höchststand um 1979 deutlich zurückgegangen und inzwischen wieder so niedrig wie zuletzt um 1965. Trotzdem hat sich die Wirtschaft weitgehend gut entwickelt: Zwischen 1990 und 2018 ist die Wirtschaft in der EU um 61 Prozent gewachsen. Gleichzeitig haben sich die Treibhausgasemissionen um 23 Prozent reduziert.





