Wer schon einmal – vielleicht nach einem Unfall und dessen anschließender Behandlung – längere Zeit einen Arm oder ein Bein nicht belasten durfte, weiß, wie schnell sich dort die Muskeln abbauen: Das Gehen oder Heben ist danach nur unter größeren Schwierigkeiten möglich. Doch dagegen kann man etwas tun. Eine in der Fachzeitschrift „Scandinavian Journal of Medicine and Science in Sports“ veröffentlichte Studie hat nämlich einen Effekt bestätigt, über den schon seit langem immer wieder berichtet wurde: Werden die Muskeln des Armes oder Beines auf einer Körperseite durch gezielte Übungen trainiert, profitiert davon auch die jeweilige Extremität auf der anderen Seite. Zwar ist der übungsbedingte Kraftzuwachs auf der nicht beanspruchten Seite geringer, aber er ist deutlich messbar. Gemäß der angeführten Studie beträgt er durchschnittlich 25 Prozent im Vergleich zur trainierten Seite. Wird also etwa die maximale Kraft des linken Bizepsmuskels durch ein spezielles Training um 100 Newton gesteigert, wird der Kraftzugewinn des rechten, also untrainierten Bizeps voraussichtlich 25 Newton betragen. Dabei erweisen sich Übungen als besonders wirksam, bei denen sich der Muskel infolge der Kraftanstrengung nicht zusammenzieht, wie etwa beim Anheben einer Hantel, sondern gedehnt wird, wie beim anschließenden Hantel-Absenken.
Das Phänomen wird als „kontralateraler Krafttrainingseffekt“ oder kurz „Crossing Effect“ bezeichnet. Laut dem Leiter der Studie, Ken Kazunori Nosaka von der Edith Cowan University im australischen Crawley, lässt sich der Effekt sehr vorteilhaft im Rahmen von Reha-Maßnahmen bei Patienten nutzen, deren Gliedmaßen nach Verletzungen für eine gewisse Zeit ruhiggestellt werden müssen: „Indem wir sofort mit der Reha und dem Training der unverletzten Extremität beginnen, können wir Muskelschäden der anderen Extremität verhindern und durch das Training sogar Kraft aufbauen, ohne sie zu bewegen.“ Fest steht allerdings, dass der Effekt ausschließlich den identischen (homonymen) Muskel der Gegenseite betrifft. Wird also beispielsweise der Wadenmuskel des linken Beins trainiert, zeigt sich der Kraftzuwachs auch in der rechten Wade, aber nur dort, und nicht etwa auch im rechten Arm.
Wieso der Crossing Effect existiert, konnte bislang noch nicht abschließend geklärt werden. Vermutlich sind dafür neurophysiologische Mechanismen verantwortlich, die darauf beruhen, dass die Areale im Gehirn, die der Steuerung homonymer Muskeln dienen, eng miteinander verbunden sind. Bildgebende Verfahren, mit deren Hilfe man dem Gehirn gewissermaßen bei der Arbeit zusehen kann, haben nämlich gezeigt, dass beim einseitigen Muskeltraining auch die Hirnbezirke des kontralateralen Muskels aktiviert werden. Offensichtlich verstärkt regelmäßig wiederholtes Training diese Verknüpfungen, sodass die Beanspruchung eines Muskels auch zunehmend zur Kraftsteigerung des „Gegenmuskels“ führt. Das wäre ein Beleg dafür, dass sportliches Training wesentlich komplexere Wirkungsmechanismen auslöst, als bisher bekannt ist.





