Der Grund des Missverständnisses liegt darin, dass ein Zahn dann „tot“ ist, wenn in seinem Inneren das Geflecht aus Nerven und Blutgefäßen – der Mediziner spricht von „Pulpa“ – als Endstadium einer Entzündung abgestorben ist. Dann reagiert er nicht mehr auf Kälte, und wenn der Zahnarzt den Bohrer ansetzt, ist ebenfalls nichts zu spüren. Doch die tote Pulpa stellt einen idealen Nährboden für Bakterien dar, die sich darin ungehemmt vermehren und das Gewebe schließlich faulig zersetzen (man nennt das „Gangrän“). Nimmt der Zahnarzt in diesem Stadium mit einer feinen Nadel ein wenig Zahninhalt heraus, stinkt das fürchterlich.
Das Ganze wäre jedoch nicht weiter schlimm, hätte nicht jeder Zahn an der Wurzelspitze ein kleines Loch, durch das Nerven und Blutgefäße eintreten und das nun für die Bakterien ein offenes Tor darstellt, durch das sie in den umgebenden Zahnhalteapparat vordringen. Dieser wehrt sich gegen den Ansturm der Mikroben seinerseits mit einer massiven Abwehrreaktion, das heißt, ebenfalls einer Entzündung, diesmal allerdings nicht der Zahnpulpa, sondern des Gewebes, das die Wurzel umgibt. Im weiteren Verlauf kann der Knochen um die Wurzelspitze sogar eitrig einschmelzen. Dann sagt man umgangssprachlich: „Der Zahn sitzt auf Eiter.“ Und eine solche Zahnhalteapparat-Entzündung verursacht nicht selten derart starke, heftig klopfende und sich über den ganzen Kopf ausbreitende Schmerzen, dass für den armen Betroffenen an Nachtschlaf beim besten Willen nicht zu denken ist.
Und wie kann der Zahnarzt helfen? Nun, die erste Maßnahme ist, den Zahn aufzubohren – was ja nicht wehtut. Dann können die gasförmigen Entzündungsprodukte entweichen, die sich um die Wurzelspitze herum angesammelt haben und deren Druck auf die Umgebung die schlimmen Schmerzen auslöst. In den meisten Fällen geht es dem Patienten danach sofort besser. Als endgültige Behandlung kommt nach einer Wartezeit von einigen Tagen entweder eine Wurzelbehandlung oder die Extraktion des schuldigen Zahnes in Betracht.





