Möglich wird dies aufgrund des physikalischen Trägheitsmoments. Es sorgt dafür, dass ein Körper mit geringer Masse durch eine bestimmte Kraft schneller beschleunigt werden kann als ein Körper mit großer Masse. Und da ein kurzes Bein nun einmal zwangsläufig weniger Masse besitzt als ein langes, ist es auch weniger träge. Außerdem nimmt das Trägheitsmoment mit dem Quadrat des Abstandes von der Drehachse – in unserem Fall dem Hüftgelenk – zu. Ein kurzes Bein, bei dem sich die Masse im Durchschnitt näher an der Hüfte befindet, lässt sich also flinker bewegen als ein langes.
Eben jene Physik des Trägheitsmoments nutzt übrigens auch eine Eiskunstläuferin, wenn sie Pirouetten dreht: Je weiter sie die Arme von sich streckt, desto langsamer dreht sie sich um die eigene Achse. Zieht sie die Arme ein, dreht sie sich schneller.
Wie schnell ein Mensch laufen kann, hängt also nicht von der Länge seiner Beine ab. Vielmehr spielen zwei Faktoren eine entscheidende Rolle: zum einen, mit welcher Geschwindigkeit die nervalen Bewegungsimpulse vom Gehirn zu den Beinen gelangen, und zum anderen, wie schnell deren Muskeln darauf reagieren und sich kontrahieren. Da diese Werte genetisch determiniert sind, lassen sie sich selbst durch eifriges Trainieren nur bedingt beeinflussen. Vielmehr ist die Fähigkeit, schneller als andere zu laufen, ein angeborenes Talent, das sich durch Perfektionieren der idealen Bewegungsabläufe sowie durch trainingsbedingte Steigerung der Muskelkraft allenfalls geringfügig optimieren lässt.
Würde die Länge der Beine tatsächlich eine Rolle spielen, müssten alle Weltklasseläufer und läuferinnen auffallend lange Beine haben. Das aber ist mitnichten der Fall. Doch einen Vorteil haben die größeren Läufer: Sie verbrauchen beim Vorankommen pro Kilo Körpergewicht weniger Energie als die kleineren. Zu dieser Erkenntnis kamen Sportwissenschaftler der Southern Methodist University, indem sie Probanden beiderlei Geschlechts von 5 bis 32 Jahren beim Laufen auf dem Laufband filmten und dabei ihren Energieumsatz bestimmten. Dabei zeigte sich, dass jeder Teilnehmer unabhängig von Körpergröße, Geschlecht oder Alter pro Schritt und Kilogramm Körpergewicht etwa gleich viel Energie verbraucht. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass kleine Läufer aufgrund ihrer kürzeren Schritte zum Bewältigen einer bestimmten Strecke verhältnismäßig mehr Power einsetzen müssen und daher schneller erschöpft sind. Das erklärt auch, warum so viele Kinder am Sonntagsspaziergang mit den Eltern keinen Spaß haben: Sie werden schlicht eher müde. Im Verhältnis zum Gewicht ist der Energieverbrauch pro Schritt bei ihnen zwar vergleichbar mit dem von Vater und Mutter, die Anzahl der Schritte aber deutlich höher.





