Doch bevor wir uns näher mit diesem erstaunlichen Phänomen befassen, kurz ein paar grundsätzliche Bemerkungen zur Gedächtnisverarbeitung. Das Gehirn verfügt über drei unterschiedliche Speicher, die uns die Verwaltung der fortwährend auf uns einströmenden Wahrnehmungen ermöglichen: Ultrakurzzeit-, Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis. Das Ultrakurzzeitgedächtnis behält Informationen durchschnittlich nur 15 bis 20 Sekunden, dann löscht es die allermeisten davon wieder. Ausschließlich besonders wichtig erscheinende Eindrücke gibt es ans Kurzzeitgedächtnis weiter, das eine Kapazität von etwa 24 Stunden hat. Das streicht seinerseits die meisten Informationen, nur wenige leitet es weiter Richtung Langzeitgedächtnis. Dort wird all das gespeichert, was unser Gehirn für besonders bedeutsam erachtet und auch nach längerer Zeit noch problemlos abrufbar sein sollte.
Doch all diese komplizierten Mechanismen sind hochgradig störanfällig. Dazu zwei Studien: Die bekannte britische Gedächtnisforscherin und Psychologin Julia Shaw befragte Personen nach angeblich einschneidenden Kindheitserlebnissen, die jedoch nie stattgefunden hatten. Während sich die Probanden an das Geschilderte anfänglich verständlicherweise nicht erinnern konnten, änderte sich das mit jeder – frei erfundenen – Einzelheit, die die Wissenschaftlerin ihnen erzählte: wie das Blut gespritzt hätte, welche Wut sie beim Zusehen verspürt hätten und welche Angst, als die Polizei kam. Nach mehreren derartigen Schilderungen waren 70 Prozent der Teilnehmer davon überzeugt, das Berichtete tatsächlich erlebt zu haben.
Forschende der Harvard-Universität forderten Versuchspersonen auf, sich ein Handballvideo anzusehen und anschließend exakt anzugeben, wie oft der Ball abgespielt worden sei. Nach kurzer Zeit tauchte in dem Video ein als Gorilla verkleideter Mensch auf und schlenderte gemächlich quer über das Spielfeld. Anschließend konnte sich fast die Hälfte der Teilnehmer nicht daran erinnern, den Affen gesehen zu haben. Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von Veränderungsblindheit. Je intensiver wir uns auf bestimmte Dinge konzentrieren, desto mehr blenden wir Geschehnisse darum herum einfach aus. Exakt auf diesem Prinzip beruhen viele Zaubertricks: Der Magier lenkt die Aufmerksamkeit des Publikums geschickt auf irgendwelche Begleitumstände, die mit dem eigentlichen Trick nichts zu tun haben. Mit der Folge, dass man das Entscheidende übersieht. All das zeigt, dass es durchaus angebracht ist, unseren Erinnerungen – und noch mehr denen anderer Menschen – mit Skepsis zu begegnen.





