Als ich am letzten Freitagabend in unsere Dorfkneipe kam, saß dort an einem Tisch in einer Ecke Dorothea – vor sich ein Glas Bier und ein Mühlebrett. „Hast du Lust auf eine Partie?“, fragte sie. Ich nickte und bestellte mir beim Wirt ein Bier. Kaum hatten wir das Spiel begonnen, trat Werner in die Kneipe, sah uns und setzte sich unaufgefordert an unseren Tisch. Werner ist Lehrer an der Realschule der Kreisstadt und eine Nervensäge. „Ihr spielt Mühle? Seid ihr etwa in die infantile Phase zurückgefallen?“, fragte er. „Warum spielt ihr nicht gleich ,Schwarzer Peter‘?“ „Verschwinde!“, fauchte Dorothea, ohne den Kopf zu heben. Doch das schien Werner nicht gehört zu haben. „Wusstet ihr, dass Mühle schon vor 2000 Jahren im Römischen Reich gespielt wurde? Vor allem die Soldaten liebten es. Nach ihnen ist auch das Spiel benannt worden, denn der Name ,Mühle‘ stammt nicht etwa von der Getreidemühle, sondern ist eine Verballhornung des lateinischen Wortes ,miles‘, das ,Soldat‘ bedeutet. In eine der Marmorplatten, aus denen der Thron Karls des Großen im Aachener Dom besteht und die aus der Grabeskirche in Jerusalem stammen sollen, ist ein Mühlespiel eingeritzt.“ „Nun halt doch endlich mal deine Klappe und lass uns in Ruhe spielen!“, schimpfte Dorothea genervt. Doch Werner dachte gar nicht daran und fuhr unbekümmert fort: „Ich teile gerne mein Wissen mit meinen Mitmenschen. Also seid dankbar und hört mir zu.“ „Teile es mit deinen Schülern, aber nicht mit uns“, knurrte Dorothea. Das focht Werner nicht an. „Wusstet ihr, dass es zahlreiche Varianten des Spiels gibt, beispielsweise die kleine Mühle, die Rad‧mühle, Tic-Tac-Toe, die afrikanische Mühle, Marabaraba und die Kubusmühle? Am interessantesten finde ich die frensländische Mühle. Sie besteht aus vier ineinander verschachtelten Quadraten, durch die kreuz und quer und diagonal vier Linien laufen.“
Werner nahm meinen Bierdeckel und skizzierte sie darauf. „Im Gegensatz zu den meisten anderen Varianten muss man bei ihr nicht drei eigene Steine in eine Reihe bringen, sondern vier eigene Steine zu einem Viereck anordnen. Das ist deutlich schwieriger als euer Kinderspiel und würde euch vermutlich überfordern. Beim gewöhnlichen Mühlespiel gibt es außerdem nur sechzehn Dreierreihen, bei der frensländischen Mühle aber deutlich mehr als sechzehn Vierecke.“ „Ach ja?“, sagte ich. „Wie viele Vierecke sind es denn genau?“ Nicht das mich dies wirklich interessierte, aber ich wollte nicht so unhöflich sein wie Dorothea. „Da müsste ich schnell einmal nachzählen“, sagte Werner. In der nächsten Viertelstunde nannte er uns alle paar Minuten eine stets andere Zahl und wurde dabei immer kleinlauter. „Die Kunst des Zählens gehört anscheinend nicht zu deinen vielen Talenten“, spottete Dorothea. „Weißt du wenigstens, wie viele Beine ein Esel hat?“ Werner setzte zu einer Antwort an, aber Dorothea stoppte ihn mit einer Handbewegung und erklärte grinsend: „Ein Esel hat zwei Beine vorne, zwei Beine hinten, zwei Beine links, zwei Beine rechts und an jeder Ecke ein Bein. Folglich hat ein Esel zwölf Beine.“ Ich musste über diesen etwas albernen Scherz laut lachen. Aber das war nun doch zu viel für Werner. Ohne uns eines Wortes oder auch nur eines Blickes zu würdigen, stand er auf und verließ die Kneipe. „Weißt du, wie viele Vierecke das Brett hat?“, fragte ich Dorothea. „Nö“, erwiderte sie. „Du bist am Zug.“






