Schleimpilze findet man überall dort, wo organisches Material verwest, also zum Beispiel im Wald, auf toten Baumstämmen oder verrottendem Laub. Gefällt Ihnen immer noch nicht? Nur Geduld. Ich hatte letztens nach einer Urlaubsreise die Freude, ein wunderschönes Exemplar in meiner Wurmkiste anzutreffen. Und bevor Sie etwas sagen: Nein, Wurmkisten sind überhaupt nicht unappetitlich, sondern die beste Art und Weise, den daheim anfallenden, frischen Biomüll zu verwerten. Zudem sehen sie hübsch aus und riechen nach Waldboden. Für mich gibt es kaum etwas Beruhigenderes, als einem Wurm bei seinem peristaltischen Kriechen zuzusehen.
Aber zurück zum Thema. Beim Öffnen des vielleicht etwas zu lange sich selbst überlassenen Wurmhabitats offenbarte sich mir der wundersame Anblick: Ein weißes, verästeltes Netzwerk aus leicht erhöhten, aber filigranen Strängen, das sich über den Deckel der Kiste zog. Es erinnerte mich an das Wurzelnetzwerk eines Baumes oder auch an das cosmic web – jener filamentartigen Struktur des Kosmos, die sich offenbart, wenn man aus der Makroperspektive auf das Universum blickt. Immer wieder faszinierend, wie sich beinahe dieselben Strukturen auf so unterschiedlichen Skalen zu wiederholen scheinen, denke ich mir, klappe die Wurmkiste zu und den Laptop auf, um zu sehen, was es Neues im Internet-Universum gibt. Und sofort sticht mir eine Schlagzeile ins Auge: Schleimpilz entschlüsselt Struktur des Universums!
Forschende Schleimpilze
Das kann doch nicht sein! Das Ding hat kein Hirn, trifft aber trotzdem Aussagen zu wissenschaftlichen Themen? Gut, ähnliche Gedanken kommen einem zuweilen vielleicht auch beim Ansehen von Polit-Talkshows im Fernsehen, aber bei der erwähnten Schlagzeile ist die Lage doch ein wenig anders. Ein Team aus Astrophysikern hat kürzlich eine Studie veröffentlicht, zu der Schleimpilze tatsächlich einen entscheidenden Beitrag geleistet haben. Es geht darin um einen neuen Algorithmus, der die gigantischen, intergalaktischen Strukturen aus Galaxienhaufen, Galaxiensuperhaufen des cosmic web reproduzieren und identifizieren kann, und zwar wesentlich besser, als bisherige Verfahren dazu in der Lage waren.
Warum brauchen wir das? Das genaue Identifizieren von Strukturen ist wichtig, weil wir nur so die Entwicklung des Universums und die Entwicklung von Galaxien nachvollziehen können. Intergalaktische Strukturen auf gigantischen Skalen zu definieren ist nämlich keine simple Angelegenheit. Bei einzelnen Galaxien ist noch relativ klar, wo sie anfangen und wo sie aufhören, aber bei riesigen Galaxienhaufen und Haufen von Galaxienhaufen ist das gar nicht so einfach festzustellen. Um aber die Entstehung und Entwicklung von Galaxien zu verfolgen, braucht es eine genaue Charakterisierung der großräumigen Struktur, in die eine Galaxie eingebettet ist. Ich muss quasi wissen, wo eine Galaxie lebt und wie gut ihre Siedlung an andere Ballungsräume angebunden ist. Dann kann ich auch sagen, ob sie heute Abend eher ins Theater oder ins lokale Wirtshaus gehen wird.





