Nicht ganz. Aber tatsächlich entwickeln sich Galaxien unweigerlich im Laufe ihres Lebens. Große Galaxien entstehen durch Kollisionen und das Verschmelzen von kleineren. Unsere Galaxie, die Milchstraße, hat sich genau so gebildet. Und der nächste große Zusammenstoß kommt auf uns zu: Die Andromedagalaxie wird in einigen Milliarden Jahren mit der Milchstraße zu einer Riesengalaxie namens Milkomeda verschmelzen und so die Gestalt unserer Galaxie komplett verändern.
Galaxien in der Großstadt
Wenn Sie das beunruhigt, sollten sie vielleicht gar nicht weiterlesen, denn die Zukunft der Milchstraße ist ja eine Kinderjause im Vergleich zu dem brutalen Schicksal der Galaxien in Galaxienhaufen, den Galaxiengroßstädten unseres Universums. In einem Galaxienhaufen geht es tatsächlich zu wie in der Großstadt. Tausende von Galaxien tummeln sich in diesen gigantischen Strukturen. Mit rasanten Geschwindigkeiten von mehreren Tausend Kilometern pro Sekunde rauschen sie immer wieder aneinander vorbei. Die schnelllebige Umgebung der Großstadt verhindert, dass die Galaxien sich kennenlernen, geschweige denn miteinander verschmelzen wie etwa Milchstraße und Andromedagalaxie. Dagegen sind die beiden gemütliche Landeier.
Man kann sich vorstellen, dass den Galaxien diese oberflächlichen Begegnungen im Laufe der Zeit ordentlich auf die Nerven gehen. Ein Galaxienhaufen ist wie eine Fußgängerzone am Samstagnachmittag, wenn viel zu viele Menschen viel zu schnell durch die Gegend laufen und einander ununterbrochen anrempeln. Diesen Mechanismus nennt man in der Galaxienwelt „harassment“, auf Deutsch: Belästigung. Und je kleiner und fragiler die Galaxie, desto anfälliger ist sie für diese unsanften Begegnungen. Die kleinen werden von den größeren gemobbt und schikaniert – sie müssen sich ein dickes Fell zulegen, um zu überleben. So wird eine kleine Spiralgalaxie in einem Galaxienhaufen rasch zu einer kleinen elliptischen Galaxie. Diese rundliche Galaxienform ist viel weniger angreifbar, ihr können die rauen Bedingungen des Haufens viel weniger anhaben.
Aber auch die großen Galaxien sind vor den Auswirkungen des harschen Galaxienhaufens nicht gefeit. Die unwirtliche Umgebung entzieht ihnen ihre Randbereiche und ihr frisches Gas: Sie werden kompakter, dicker und altern schneller. Dieser Prozess wird „stripping“ genannt. Die Galaxien werden geschält und gehäutet – oder ausgezogen, wenn man sich vorstellt, dass sie Kleider tragen. Dieser Prozess wirkt sich besonders stark auf unbedarfte Spiralgalaxien aus, die direkt mit der Breitseite voran in den Haufen hineinfliegen – live fast, die young. Ihnen bläst das extrem heiße Gas, mit dem Galaxienhaufen gefüllt sind, direkt ins Gesicht. So als trete man aus einem gut klimatisierten Raum hinaus in die Tropenhitze – nur ist es dort noch ein paar Millionen Grad heißer. Den Galaxien werden die Innereien, also ihr interstellares Gas, hinausgepresst, die sie dann wie lange Tentakel auf ihrem Weg durch den Haufen hinter sich herziehen. Der beschönigende Name für diese bedauernswerten galaktischen Artgenossen ist „jellyfish galaxies“ – Qualen für die Quallen.





