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Alte Kleider für neue Mode
Die Wände aus Altkleidern und Stoffresten reichen bis fast unter die hohe Decke der 20.000 Quadratmeter großen Halle. Gabelstapler fahren piepsend über deren Betonboden. Sie passen gerade so durch die schmalen Gänge zwischen den gestapelten Ballen von Jeans, Sakkos, Pullovern und Hemden sowie Fetzen, Streifen und Lappen aller Couleur.
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von KLAUS SIEG
Die Wände aus Altkleidern und Stoffresten reichen bis fast unter die hohe Decke der 20.000 Quadratmeter großen Halle. Gabelstapler fahren piepsend über deren Betonboden. Sie passen gerade so durch die schmalen Gänge zwischen den gestapelten Ballen von Jeans, Sakkos, Pullovern und Hemden sowie Fetzen, Streifen und Lappen aller Couleur.
Die Weltproduktion von Textilfasern hat sich in den 20 Jahren verdoppelt: auf 110 Millionen Tonnen pro Jahr.
Das Recycling ausgedienter Kleidung kommt nur langsam in Gang.
Die Entwicklung effizienter Verfahren wird unter anderem durch die häufige Verwendung von Mischgeweben in neuer Mode erschwert.
Bei dem schwedischen Unternehmen Circulose wird geklotzt und nicht gekleckert. Das zeigt bereits ein Blick auf sein Anlieferungslager am Hafen von Sundsvall – einem Ort hoch im Norden Europas, ungefähr vier Autostunden von der schwedischen Hauptstadt Stockholm entfernt. Nicht weit weg vom Hafen, im Industriegebiet Ortviken, gewinnt Circulose aus Alttextilien und Stoffresten ein Material, aus dem sich wieder Kleidung herstellen lässt.
In einer ehemaligen Papierfabrik schreddern haushohe Maschinen die Altkleider und Textilreste in kleine Fetzen. In einer Lauge werden Reißverschlüsse und Knöpfe entfernt, die Fasern weiter zerkleinert und mithilfe von Chlor und Ozon die Farben ausgebleicht. Dann wird der Anteil von Kunststoffen an dem Rohmaterial herausgelöst. Weitere mächtige Maschinen pressen und trocknen den Brei zu Matten, aus denen sich in Garnfabriken Fasern spinnen lassen, die sich für die Herstellung neuer Textilien eignen. „Unsere Fabrik ist weltweit die erste, die Textilrecycling in dieser Dimension betreibt“, heißt es bei dem Unternehmen. Bis zu 60.000 Tonnen Zellstoff können hier pro Jahr hergestellt werden. Das würde ausreichen für beispielsweise rund 150 Millionen neue T-Shirts.
Rapider Anstieg der Produktion
Ein Recyclingkonzept für die globale Modebranche tut not. In den letzten 20 Jahren hat sich die weltweite Produktion von Textilfasern fast verdoppelt: auf 110 Millionen Tonnen pro Jahr. Bis 2030 prophezeien Experten eine weitere Steigerung auf 142 Millionen Tonnen. Das meiste davon landet schon nach kurzer Zeit wieder auf dem Müll. Teilweise sind die Preise der Kleidung so niedrig, dass sich nicht einmal das Waschen zu lohnen scheint. Aus Fast Fashion ist längst Ultra-Fast Fashion geworden. Allein in der Europäischen Union wurden 2023 etwa fünf Millionen Tonnen Textilien weggeworfen – das entspricht zwölf Kilogramm pro Person.
Anbieter wie der chinesische Onlinehändler Temu und der Billig-Textilhändler Shein aus Indonesien versenden ihre in China hergestellten Produkte direkt aus den Fabriken an die Kunden in aller Welt. Schon bald könnte Shein so viel Geld umsetzen wie seine beiden größten Konkurrenten zusammen: die H&M-Gruppe aus Schweden und der spanische Konzern Inditex, zu dem Marken wie Zara oder Bershka gehören.
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Erst allmählich rücken die für Klima und Umwelt katastrophalen Folgen dieses überdrehten Modekonsums in den Fokus der Öffentlichkeit. So wachsen in der chilenischen Atacama-Wüste Müllberge aus Textilien in den Himmel. Ähnlich Schockierendes gibt es am Stadtrand der ghanaischen Hauptstadt Accra zu sehen. Der Konsum von Textilien in den Ländern der Europäischen Union ist nach Angaben der Europäischen Umweltagentur EEA der viertgrößte Verursacher von Schäden an Umwelt und Klima – nach dem Verbrauch von Lebensmitteln, dem Wohnen und der Mobilität. Zudem ist die Herstellung der in der EU konsumierten Textilien der fünftgrößte Verursacher von Treibhausgasemission sowie der drittgrößte Verbraucher von Wasser und landwirtschaftlichen Flächen. Hinzu kommt ein immenser Bedarf an Rohstoffen und anderen Produkten, zum Beispiel Baumwolle, Holz, Dünger und Erdöl für die Fertigung von Kunstfasern.
Während das Recycling von Resten aus der Textilindustrie durch die Hersteller selbst oder auch durch darauf spezialisierte Unternehmen wie der spanischen Firma Recover relativ verbreitet ist, steht das Recycling von Altkleidern erst am Anfang. Derzeit werden laut der EU-Kommission nicht einmal ein Prozent der ausrangierten Textilien wieder zu Kleidung verwertet. Das Recycling von Alttextilien beschränkt sich bislang auf die Wiederverwendung durch Kleiderkammern oder Secondhand-Shops oder auf das Herstellen einfacher Produkte wie Putzlappen oder Polsterfüllungen. Wird sich das nun dank neuer Recyclingverfahren wie dem von Circulose ändern? Ganz so einfach ist es nicht.
Das Resultat langer Forschungsarbeit
Das Unternehmen Circulose, das früher Renewcell hieß, hatte 2019 eine Pilotanlage in Betrieb genommen und bereits drei Jahre später die Produktion in großem Maßstab in der ehemaligen Papierfabrik in Sundsvall gestartet. Das Verfahren war zuvor in fast zehn Jahre langer Forschungsarbeit von Wissenschaftlern am Royal Institute of Technology in Stockholm entwickelt worden. Zu den Abnehmern und Partnern des Unternehmens zählten viele Große der Branche, wie Zara und Massimo Dutti, Levi’s und H&M. Diese Unternehmen waren auch die wichtigsten Anteilseigner der Aktiengesellschaft. Doch die verfügbare Kapazität von 60.000 Tonnen Zellstoff wurde nie ausgeschöpft. 2023 produzierte das Unternehmen 18.000 Tonnen, im Januar 2024 waren es lediglich noch 174 Tonnen. Und im Februar musste Circulose schließlich Insolvenz anmelden. Nur weil im Juni 2024 der schwedische Investor Altor in das Unternehmen eingestiegen ist, konnte das Unternehmen vorerst gerettet werden.
Hohe Kosten, magere Qualität
Für das bisherige Scheitern gibt es verschiedene Gründe. Die Kosten für das Material von Circulose liegen derzeit mehr als ein Drittel über denen für andere Rohstoffe der Textilherstellung, etwa Baumwolle, Polyester und Zellulose. Zu zögerlich soll nicht nur deshalb die Nachfrage globaler Hersteller gewesen sein. Viele potenzielle Partner warten auch ab, ob und wo künftig welche Anteile an recycelten Materialien gesetzlich vorgeschrieben werden. Zudem soll es Schwierigkeiten mit der Qualität des Rezyklates von Cirulose gegeben haben.
„Hersteller müssen sich auf die versprochene Qualität eines Rezyklates verlassen können“, sagt Sabrina Mauter, Wissenschaftlerin am Center Textillogistik der Hochschule Niederrhein Textil und Bekleidungstechnik in Mönchengladbach. Und: „In Sachen Textil-Recycling wurde lange geschlafen.“ Es brauche aber viel Zeit und Forschung, um eine konstant gute Qualität zu entwickeln, noch dazu zu konkurrenzfähigen Preisen. Nicht wenige Verfahren würden schon im Labor scheitern, berichtet die Forscherin.
Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten. Fasern können mechanisch getrennt und für die Wiederverwendung aufbereitet werden. Das Problem: Jeder Schritt beschädigt und verkürzt die Fasern. „Nach ungefähr zwei bis drei Mal Schneiden sind sie so kurz, dass sie nicht mehr für die Herstellung von Textilien wiederverwendet werden können“, sagt Sabrina Mauter.
Bei chemischen Verfahren verhält es sich anders, weil die Rohstoffe auf ihre Bestandteile wie Monomere und Polymere heruntergebrochen werden. Diese lassen sich häufiger einsetzen.
Auf den Input kommt es an
Doch das löst nicht das nächste große Problem. Es besteht in Qualität, Zustand und Zusammensetzung der zu recycelnden Textilien. Gutes Inputmaterial ermöglicht guten Output. Und umgekehrt. Alttextilien sind häufig stark verunreinigt und voller verschiedener Färbemittel. Fast Fashion führt zudem zu immer schlechterer Qualität der Rohstoffe. Viele Textilien bestehen aus sehr komplexen Mischgeweben. Bei der Verwendung von alten Jeans zu neuen Hosen mag ein Anteil von über 50 Prozent Rezyklat möglich sein. „Ein Stapel Alttextilien aber kann so verschiedene Bestandteile enthalten, dass man das Material daraus gar nicht wieder verwenden kann“, stellt Sabrina Mauter fest.
Trotzdem sind unzählige junge Unternehmen am Start, die Recyclingverfahren für Alttextilien entwickeln und an den Markt bringen wollen. Keines allerdings ist so weit wie Circulose. In Braunschweig hat der Recycling-Spezialist Rittec ein Verfahren entwickelt, um Polyester aus Mischgeweben herauszulösen. Die französische Firma Carbios beschäftigt sich mit dem Faser-zu-Faser-Recycling von Polyester mit Unterstützung durch Enzyme.
Mischfasern chemisch recyceln
Aus der Hochschule Niederrhein ist das Startup-Unternehmen Eeden hervorgegangen, dessen Forscher sich mit dem chemischen Recycling von Mischfasern beschäftigen. Polyester wird bei dem Verfahren in seine Grundbausteine zerlegt, aus der Baumwolle Zellulose gewonnen. Beide Produkte sollen sich dann zur Herstellung neuer Textilien eignen. Der Bau einer Pilotanlage ist für 2025 geplant. So weit war das niederländische Startup Circularity bereits. In seiner Pilotanlage mit einer Kapazität von 1.000 Tonnen pro Jahr wurde mit einem rein mechanischen Verfahren Material für T-Shirts und Sweater hergestellt. Sie wurden im Rahmen des Projektes Textilkreislauf Berlin von der Polizei der deutschen Hauptstadt getestet. T-Shirts von Circularity gibt es zudem in den Filialen von Humana zu kaufen.
Verheerendes Großfeuer
T-Mobile in den Niederlanden hatte die Mitarbeiter seiner Mobilfunkläden mit Kleidung von Circularity ausgestattet. Und die Bayer AG testete zusammen mit dem jungen Unternehmen das Recycling ausgemusterter Laborkittel. Doch nach wenigen Wochen Produktion ist vor etwa anderthalb Jahren die Anlage zum Zerfasern abgebrannt. Nun sucht man Investoren – wie bei den meisten Startups.
Bessere Voraussetzungen haben die Großen der Textil- und Chemiebranche. Anfang des Jahres hat der Ludwigshafener Chemiekonzern BASF gemeinsam mit dem Modeunternehmen Inditex ein aus Textilabfällen recyceltes Nylon-Material vorgestellt. Bei der Inditex-Tochter Zara gibt es seither eine Jacke zu kaufen, die zu 100 Prozent aus diesem wiederaufgearbeiteten Material besteht. Mit dem Glykolyse-Verfahren auf der Basis von Enzymen will die H&M-Tochter Syre Polyester aus Alttextilien für die Faserproduktion recyceln.
„Für das Verfahren haben wir uns aufgrund seiner Einfachheit und Effizienz entschieden“, erläutert Emma Stjernlöf, die Sprecherin des Unternehmens. Im Vergleich zur Herstellung von neuem Polyester seien mit diesem Verfahren bis zu 85 Prozent weniger CO2-Emissionen möglich. Eine Pilotanlage will Syre Ende 2025 in den USA in Betrieb nehmen. 2027 soll dann nahe großer Textilfertigungszentren in Vietnam und Spanien mit zwei Anlagen von jeweils einer Kapazität von 250.000 Tonnen geklotzt werden.
Dass sich viele Verfahren mit Polyester beschäftigen, ist kein Zufall. Mit rund 55 Millionen Tonnen pro Jahr ist es mittlerweile der Hauptgrundstoff bei der Textilherstellung, vor Baumwolle mit 25 Millionen und Viskose mit 6 Millionen Tonnen.
Ein offenes Rennen
Welches dieser Recycling-Verfahren aber wird das Rennen machen? „Das lässt sich einfach nicht sagen, da es nicht das eine Recycling-Verfahren geben wird, welches auf alle Textilien angewendet werden kann“, meint André Lehmann, Forscher vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP in Potsdam. Auf dem Papier sei einiges vielversprechend. Beim Aufbau von neuen Fasern nach dem Zerlegen der Materialien in ihre Bestandteile aber, häufig bewerkstelligt durch die Polymerisation, gibt es große Herausforderungen. Schon winzige Verunreinigungen – beispielsweise Metalle aus Farbstoffen im Hemd oder Reste von Eierschalen auf dem Lätzchen – können die Polymerisation stören.
Auch Lehmann kritisiert zu viele und vielfältige Mischgewebe, Farbstoffe und Materialströme. Aber die Industrie habe sich des Themas angenommen und in den letzten zehn Jahren sei einiges passiert, betont der Fraunhofer-Forscher. Andere Experten hingegen bemängeln eine zu abwartende Haltung.
Warten auf Regularien
Für beides kann der Grund in den angekündigten Regularien der Europäischen Union liegen. Im Rahmen des Green Deal gibt es die Textilstrategie der EU, eine Absichtserklärung unter anderem zu Designvorschriften oder der Sammlung und Verwertung von Alttextilien. Bis aber zum Beispiel auf Ebene der Europäischen Union Öko-Design-Kriterien für Textilien erlassen werden, kann es noch ein paar Jahre dauern. Ob darin aber auch Anteile von Rezyklaten vorgeschrieben sein werden? „Vermutlich schon, aber eventuell sehr niedrige. Eine niederländische Studie schlägt fünf Prozent ab 2027 vor“, sagt Clara Löw, Kreislaufwirtschaft-Expertin vom Öko-Institut in Freiburg.
Auch Textilien mit einem geringen Anteil an recycelten Materialien bestehen bei der Herstellung immer noch aus 95 Prozent Primärmaterial und landen irgendwann im Müll. Viel wichtiger wären daher eine verbesserte Haltbarkeit und längere Gebrauchszeiten von Kleidung sowie deren Wiederverwendung und Reparaturfähigkeit, meint Löw. Erst am Ende sollte es um eine verbesserte Recyclingfähigkeit gehen, beispielsweise durch das Verbot einer Verwendung von Mischfasern.
Das Potenzial, das viele Marktstudien zum Teil für Rezyklat-Anteile prognostizieren, hält Clara Löw für übertrieben. In einer eigenen Studie für den World Wide Fund for Nature (WWF) kommt das Ökoinstitut auf einen Anteil von bis zu 18 Prozent bis 2045. „Und das ist schon sehr optimistisch“, meint die Expertin aus Freiburg. Um es also auf einen einfachen Nenner zu bringen: Die Textilbranche müsste vor allem weniger und nachhaltiger produzieren.
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