von THOMAS BRANDSTETTER
Winzige Computersysteme, die nur wenige zehntel Millimeter klein sind, erreichen inzwischen dieselbe Rechenleistung wie ein Desktop-PC aus den 1990er-Jahren. Das ermöglicht völlig neue Anwendungen, bei denen Mikrochips in Uhren, Brillengestellen oder Kopfhörern versteckt sind. So durchdringen Computer den menschlichen Alltag, statt die gesamte Aufmerksamkeit auf ein einzelnes Gerät auf dem Schreibtisch zu lenken.
Allerdings: Um diese Technik zu bedienen, braucht es auch neue Nutzer-Schnittstellen, die ebenso unauffällig in Alltagsgegenständen verschwinden. Sie sollen sich intuitiv handhaben und idealerweise direkt am Körper tragen lassen.So können Bedienelemente etwa in Kleidungsstücke integriert werden. Damit das beim Tragen nicht sticht und kratzt, müssen die Bauteile aber möglichst genauso weich und flexibel sein wie die Textilien selbst.
Stricken statt Löten
Dazu wird die Elektronik nicht gelötet, sondern gestickt, gestrickt oder gewebt. „Das ist keine große Herausforderung mehr“, sagt Michael Haller, der am Media Interaction Lab der Freien Universität Bozen zu sogenannten Next-Generation Interfaces forscht. „Die Techniken dafür sind schon lange bekannt, doch sie werden jetzt in einem neuen Zusammenhang wiederentdeckt und verwendet.“
Um beispielsweise einen einfachen, textilen Schalter zu realisieren, lassen sich Fäden nutzen, die aus zwei unterschiedlichen Schichten aufgebaut sind. Den Kern bildet ein feiner Kupferdraht, der elektrischen Strom leitet. Er ist von einer piezoresistiven Schicht umgeben, deren elektrischer Widerstand sich unter einer äußeren Krafteinwirkung verändert. Legt man zwei solcher Fäden über Kreuz, verhindert diese Schicht zunächst, dass Strom von einem Draht zum anderen fließt. Drückt man jedoch mit dem Finger auf die Faden-Kreuzung, verformen sich die beiden äußeren Schichten so, dass sie den Strom passieren lassen – fertig ist der Schalter. Werden mehrere gekreuzte Anordnungen nebeneinander platziert, bilden sie gemeinsam eine Art rudimentäres Touchpad, das Gesten erkennen kann. Auf diese Weise wiederum lässt sich ein angeschlossenes Gerät steuern.
Andere Textilien reagieren auf eine Verformung. Das ermöglicht es, smarte Ärmel herzustellen, die mit Algorithmen zum maschinellen Lernen zum Beispiel erkennen, wenn sie hochgekrempelt werden. Diese Geste kann der Ärmel dann in ein Steuersignal für einen Computer umwandeln. „Theoretisch könnte man aus einem solchen Material einen ganzen Anzug schneidern, der sämtliche Körperbewegungen erkennt, um damit beispielsweise einen Avatar zu starten“, meint Haller: einen digitalen Stellvertreter in der virtuellen Welt. Allerdings: Die Widerstandsfähigkeit smarter Textilien stellt für die Forscher noch eine Herausforderung dar. Schließlich soll das Kleidungsstück mit integrierter Elektronik auch einen Waschgang in der Maschine unbeschadet überstehen.





