von ULRICH EBERL
Vor 265 Jahren beschrieb der Naturforscher Carl von Linné unsere Art erstmals als Homo sapiens. Verstand und Vernunft, Einsichtsfähigkeit und Weisheit galten im Zeitalter der Aufklärung als prägende Merkmale des modernen Menschen. Doch ernste Zweifel sind angebracht. Denn wie vernünftig oder weise ist es, Kriege zu führen, wertvolle Rohstoffe zu verbrennen, die Atmosphäre aufzuheizen, den Regenwald abzuholzen, Tierarten auszurotten und die Ozeane in Müllkippen zu verwandeln?
Unsere Lebensweise ist alles andere als nachhaltig, und wir müssen dringend die Weichen dafür stellen, die größten Katastrophen noch zu verhindern. Die gesamte Weltwirtschaft muss dafür umgebaut werden, buchstäblich alle Branchen: Energie, Mobilität, Gebäude, die Industrieproduktion – Stahl, chemische Produkte, Zement und Kunststoffe – bis hin zu Landwirtschaft und Ernährung.
Die Analysen zeigen: Dieser Wandel ist machbar sowie wirtschaftlich, ökologisch und sozial sinnvoll. Wenn wir weltweit die mächtigen Hebel nutzen, über die wir zum Großteil schon verfügen (siehe Titelthema in bild der wissenschaft 11/2022, „Der Ausweg aus der Krise“). Wind- und Solarstrom, Elektromobilität, Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe, biobasierte Materialien, Kreislaufwirtschaft und Effizienztechnologien, Bauen mit Holz statt Beton, der Stopp von Waldrodungen und eine nachhaltigere Landwirtschaft sind hier die wesentlichen Stichpunkte.
Zwei Millionen Energieerzeuger
Die Komplexität der Aufgabe ist allerdings enorm. Ein Beispiel: Vor 20 Jahren wurde Deutschland von einigen Hundert Kraftwerken mit Strom versorgt, heute gibt es mit Solar-, Wind- und Biomasse-Anlagen mehr als zwei Millionen Energieerzeuger – und mit den Elektroautos und Wärmepumpen kommen viele neue Verbraucher hinzu. Wie im Internet fließen Ströme in alle möglichen Richtungen, nachts scheint keine Sonne, der Wind weht nicht stetig, und Energie muss zwischengespeichert werden.
Das alles ist nur zu bewältigen, wenn Stromproduktion und Nachfrage nach Strom, dessen Speicherung und Verteilung sowie die Preisgestaltung aufeinander abgestimmt sind und wenn die Stromanlagen mit den Wärme- und Kältesystemen in den Gebäuden sowie mit den Batterien der E-Fahrzeuge zusammenwirken. Kurz: Man braucht eine Menge Intelligenz im Energiesystem. Smart Grid nennen das die Fachleute und schwärmen von einer umfassenden Vernetzung.
Künftig soll etwa das Smart Car, das intelligente Auto, mit dem Smart Grid und dem Smart Home kommunizieren, um kostengünstig Strom zu beziehen – und es soll sich mit den Smartphones der Nutzer abstimmen, um die Fahrten zu planen. Eine Smart City würde alle Systeme verbinden. Das Konzept: Daten aus Energie- und Wassernetzen, Gebäuden und dem Verkehr werden zusammengeführt und ausgewertet. Computer werden Prognosen erstellen und vorschlagen, wie sich der Verbrauch, die Emissionen oder das Müllaufkommen senken und Staus auf den Straßen vermeiden lassen.





