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Das Tauziehen um die LNG-Terminals
Lange Zeit war das Flüssiggas LNG im deutschen Energiemarkt Nebensache. Jetzt soll es uns durch die Energiekrise führen. Dafür wird die LNG-Infrastruktur massiv ausgebaut. Experten fürchten Umweltschäden und dass sich Deutschland damit erneut auf fossile Rohstoffe festlegt.
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von TIM SCHRÖDER
Als Russland 2022 die Gashähne zudrehte, lagen die Nerven in Westeuropa blank. Bis zum Beginn des Ukrainekrieges hatte Deutschland mehr als die Hälfte seines Bedarfs mit Erdgas aus Russland gedeckt. In Österreich waren es sogar 80 Prozent. Nun war die Angst groß, dass im Winter 2022/2023 eine „Gasmangellage“ eintreten könnte, dass Industriebetriebe ihre Arbeit einstellen und die Menschen in ihren Häusern frieren müssten. Doch die Energiekrise blieb aus. Der Winter war vergleichsweise mild. Und auch der Appell an die Bürger und die Industrie, Erdgas zu sparen, half. Der Verbrauch sank im Vergleich zum Vorjahr um immerhin 14 Prozent.
Auch die deutschen Politiker reagierten schnell: Es gelang, mehr Erdgas aus Belgien und Norwegen zu importieren. Zudem brachte die Bundesregierung ein „Beschleunigungsgesetz“ auf den Weg, um an der Nord- und Ostsee in Windeseile Terminals zum Anlanden von Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas, LNG) zu errichten. LNG wird per Schiff über die Meere transportiert – aus den USA nach Europa oder aus Australien nach Japan und Südkorea. Dafür wird Erdgas zu LNG verflüssigt, wodurch sein Volumen auf ungefähr ein 600stel schrumpft. Dadurch lassen sich sehr große Mengen verschiffen.
Bis zur Ukrainekrise war LNG in Deutschland nie ein großes Thema gewesen. Zwar gab es schon vor Jahren Pläne, Anlande-Terminals in den Häfen an der Nord- und Ostseeküste zu errichten. Doch verschwanden diese wieder in der Schublade, weil das Erdgas aus Russland konkurrenzlos günstig war. Die Ukrainekrise aber änderte alles: Mit einem Mal wurde das LNG zum gefragten Energieträger. Bereits 2022 begann in mehreren deutschen Häfen der Bau schwimmender Anleger für große Spezialschiffe – sogenannte Floating Storage and Regasification Units (FSRU). An einer FSRU können LNG-Tanker anlegen und ihre flüssige Fracht entladen. Danach wird es wieder in Gas verwandelt und in die Pipelines eingespeist, die es an Land befördern.
Eine schnelle Notlösung
In der Not war der Bau von Anlegern für die FSRU die am schnellsten realisierbare Lösung. Bis März 2023 nahmen in Wilhelmshaven und Brunsbüttel an der Nordsee und vor Lubmin an der Ostseeküste von Mecklenburg-Vorpommern drei FSRU ihren Betrieb auf. In den nächsten Monaten sollen in Wilhelmshaven und in Stade an der Elbe weitere FSRU vor Anker gehen. Das Problem besteht darin, dass FSRU extrem teuer sind, weil sie von Spezialunternehmen verchartert werden.
Pro Jahr beläuft sich die Miete nach Angaben des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz auf rund 55 Millionen Euro je Einheit. Die Bundesregierung will deshalb bis spätestens 2027 in Brunsbüttel, Stade und Wilhelmshaven drei feste Terminals an Land errichten lassen. Diese hätten auch den Vorteil, dass sie mehr Flüssigerdgas umschlagen können als die FSRU.
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Allerdings: Dieser massive Ausbau der LNG-Infrastruktur in Deutschland wird inzwischen von vielen Experten aus mehreren Gründen stark kritisiert: So lege man sich damit langfristig auf Flüssiggas als fossilen Energieträger fest. Zudem beeinträchtige der Ausbau an manchen Orten den Naturschutz und den Tourismus. Überdies sei der Bedarf an LNG gar nicht so groß, wie von der Bundesregierung angenommen. Gegen den Standort Brunsbüttel wiederum sprächen Sicherheitsbedenken.
Ein Politikum im Nordosten
Zu einem Politikum ist das Thema LNG vor allem in Mecklenburg-Vorpommern geworden. Derzeit liegt dort die FSRU im Industriehafen von Lubmin. Der Ort ist ein wichtiger Knotenpunkt im deutschen Erdgasnetz. Hier treffen unter anderem die deutsch-russischen Pipelines Nord Stream 1 und 2 an Land. Von Lubmin aus kann das Gas optimal verteilt werden.
Dass die großen LNG-Tanker nicht direkt nach Lubmin fahren, wo bereits eine FSRU ankert, hat einen einfachen Grund: Der Greifswalder Bodden vor Lubmin ist für vollbeladene Schiffe zu flach. Das LNG wird deshalb vor Rügen auf Shuttle-Schiffe umgeladen, die es im Pendelverkehr nach Lubmin bringen. Das ist ein umständliches Verfahren, weshalb schon Ende dieses Jahres die neue Gasleitung zwischen Mukran und Lubmin fertig werden soll. Die FSRU von Lubmin soll dann nach Mukran verlagert werden. Das für den Bau der rund 50 Kilometer langen Pipeline verantwortliche Kasseler Unternehmen Gascade hat die Planungsunterlagen kürzlich dem Bergamt Strahlsund zur Prüfung vorgelegt.
Pipeline mit negativem Prüfsiegel
Das Pikante: Den Bau einer solchen Pipeline hatte das Amt bereits 2018 geprüft – und abgelehnt. Damals ging es um eine Trassenvariante für die deutsch-russische Gaspipeline Nord Stream 2. Das Amt kam zu dem Schluss: „Die Nachteile einer Trassenführung über Rügen/Mukran sind so gravierend, dass diese Variante als unzumutbar ausscheidet.“
Doch jetzt soll mit dem „LNG-Beschleunigungsgesetz“, mit dem sich Gutachten und Umweltverträglichkeitsprüfungen teils umgehen oder abkürzen lassen, alles ganz schnell gehen. „Dabei ist Mukran auf Rügen deutschlandweit der denkbar schlechteste Standort“, meint Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH) in Berlin. Die Trasse verläuft durch ein Meeresgebiet, das nach der europäischen Vogelschutz- und FFH-Richtlinie geschützt ist. Hinzu kommt der Tourismus. Keine deutsche Insel hat mehr Besucher als Rügen. Man fürchtet dort, dass durch den Verkehr großer LNG-Tanker, durch den laufenden Betrieb und den Lärm von künftig zwei FSRU, Urlauber abgeschreckt werden. „Außerdem steigt die Gefahr von Schiffsunfällen, wenn permanent LNG-Tanker durch die engen Gewässer zwischen Deutschland und Dänemark fahren“, sagt Sascha Müller-Kraenner.
Die DUH hat deshalb im Juni beim Bergamt Stralsund beantragt, das Genehmigungsverfahren für die Pipeline und das Terminal in Mukran auszusetzen. „Wir sind nicht grundsätzlich gegen LNG-Terminals. Der Standort in Wilhelmshaven zum Beispiel ist gut geeignet, weil dort bereits ein Anleger für Öltanker vorhanden war“, betont Müller-Kraenner. „Außerdem sind die Genehmigungsverfahren und Umweltgutachten sauber abgelaufen. Für Rügen aber ist ein solches Terminal mitsamt der Pipeline auch für mich unzumutbar.“
Diese Ansicht teilt die Bauingenieurin Bärbel Koppe von der Hamburger Ingenieurgesellschaft Aquadot, die jetzt im Auftrag der Gemeinde Binz auf Rügen ein neues Gutachten erstellt hat. Sie kritisiert unter anderem, dass die Pipeline nur mit einem halben Meter Sand abgedeckt werden soll. Es bestehe die Gefahr, dass sie freigespült und beschädigt werden könnte. Ferner verläuft die Pipeline durch die Prorer Wiek, eine Bucht, in der aus Gründen des Küstenschutzes große Baumaßnahmen zu vermeiden sind.
Kritische Nähe zum Atommülllager
Kritisch betrachtet man bei der DUH auch die Pläne für das geplante feste LNG-Terminal, das im Hafen von Brunsbüttel gebaut werden soll. „Dieses Terminal läge in unmittelbarer Nähe der Atommülllager des inzwischen abgeschalteten Kernkraftwerks. Weil beim Umgang mit Flüssigerdgas Explosionsgefahr besteht, sehen wir hier ein großes Risiko“, sagt Müller-Kraenner. „Nach EU-Störfallrecht müsste zwischen dem geplanten LNG-Terminal und dem Atommülllager ein weitaus größerer Abstand eingehalten werden. Wir werden die Planungen weiter beobachten und im Zweifelsfall Einspruch einlegen – oder am Ende den Rechtsweg gehen.“ Nach Ansicht des DUH-Geschäftsführers wären solche Konflikte eigentlich unnötig, da Deutschland so große Mengen an verflüssigtem Erdgas künftig gar nicht benötige, um die Gasversorgung in den nächsten Wintern sicherzustellen.
Zu demselben Schluss kommen auch Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in einem aktuellen Gutachten. Darin heißt es: „Mit den LNG-Terminals in Belgien und den Niederlanden und den schwimmenden Anlagen in Deutschland stehen ausreichend LNG-Importkapazitäten zur Verfügung, um auch eine steigende Nachfrage in Deutschland decken zu können.“ Außerdem sprechen sich die DIW-Experten gegen den Aufbau fester Flüssigerdgas-Terminals aus. „Im Gegensatz zu flexibel anmietbaren FSRUs haben örtlich gebundene Importterminals an Land eine Lebenszeit von mehreren Jahrzehnten. Weitere Ausbaupläne von LNG-Terminals an der deutschen Nord- und Ostseeküste erscheinen daher aus energiewirtschaftlicher und aus klimapolitischer Perspektive als kontraproduktiv.“
Bei der Bundesnetzagentur sieht man das anders, denn sie muss dafür geradestehen, wenn es in den kommenden Wintern tatsächlich zu einer Gasmangellage kommen sollte. Daher rechnet die Agentur gleich mehrere Sicherheitsaufschläge ein, bei denen sie vom Schlimmsten ausgeht – etwa, dass der nächste Winter besonders kalt werden oder eine Störung an der wichtigen Gaspipeline von Norwegen auftreten könnte. Auch weist die Bundesnetzagentur darauf hin, dass Deutschland in kalten Wintern über das europäische Netzwerk der Erdgaspipelines die osteuropäischen Nachbarn mitversorgen müsste – zum Beispiel Tschechien. Allein Deutschland zu betrachten, sei aus diesem Grund zu kurz gegriffen.
Harald Bradke, Leiter des Competence Centers Energietechnologien und Energiesysteme am Fraunhofer ISI in Karlsruhe, kann die Haltung der Bundesnetzagentur nachvollziehen. „Auch ich bin eher risikoavers“, sagt er. „Sollte es tatsächlich zu einem Engpass kommen, hätte das massive Folgen für die Industrie. Und wenn kein Gas zum Heizen da ist, dürfte auch die Bevölkerung unruhig werden.“ Der Bau fester Terminals in Stade oder Wilhelmshaven sei für ihn daher sinnvoll. „Mir ist klar, dass es die Sorge gibt, dass wir uns mit dem Bau fester Terminals für längere Zeit mit Erdgas weiter auf einen fossilen Energieträger festlegen würden. Für mich sind diese Anlagen aber eine volkswirtschaftliche Versicherung für den Ernstfall“, sagt er. Man könne solche Terminals nach einigen Jahren wieder zurückbauen – das sei allemal billiger als eine Energiekrise.
Weichenstellung für Wasserstoff
Dabei wäre ein Rückbau nicht unbedingt nötig, wenn man jetzt die Weichen richtig stellte. So diskutieren Energieexperten derzeit intensiv, inwieweit man die neuen LNG-Terminals künftig für das Anlanden klimaneutraler Energieträger nutzen könnte. Dabei geht es um Gase, die mit Strom, zum Beispiel aus Photovoltaik-Anlagen in Arabien oder Nordafrika, hergestellt werden – Wasserstoff, Ammoniak oder synthetisches Methan. „Das müsste man allerdings jetzt schon beim Bau der LNG-Terminals einplanen, weil Wasserstoff oder Ammoniak andere Anforderungen mit sich bringen“, sagt Energiemarktexperte Jakob Wachsmuth, Kollege von Harald Bradke am Fraunhofer ISI. So wird Wasserstoff bei deutlich geringeren Temperaturen flüssig als Erdgas, weshalb man für die Gastanks andere Kühl- und Isolierkonzepte einsetzen müsste als bei normalen LNG-Anlagen. „Das ist mit hohen Zusatzkosten verbunden“, sagt Wachsmuth. Ammoniak wiederum ist giftig und daher sicherheitstechnisch anspruchsvoll. Zudem fehlt es bislang in Deutschland an einer Pipeline-Infrastruktur für Wasserstoff und gegebenenfalls auch Ammoniak.
Hinzu kommt, dass es weltweit kaum Erfahrungen mit Wasserstoff-Terminals in der Größenordnung gibt, wie man sie für den deutschen Energiemarkt benötigte. So gibt es derzeit weltweit nur ein einziges Terminal, an dem flüssiger Wasserstoff angelandet wird: im Hafen der japanischen Stadt Kobe. Und selbst das ist nur ein Prototyp. Zu guter Letzt weiß derzeit noch niemand genau, wie sich der Bedarf an Ammoniak oder Wasserstoff im Zuge der Energiewende in den nächsten Jahren entwickeln wird.
Unklarheit über den Bedarf
„Wenn es gelingt, Stromtrassen europaweit auszubauen, werden wir größere Strommengen hin und her transportieren können als heute“, sagt Harald Bradke. So könnte dann Solarstrom aus Südeuropa zunehmend den durch Wärmepumpen und Elektroautos wachsenden Strombedarf im Norden decken. Umgekehrt könnte Windstrom aus Nordeuropa den Süden mitversorgen. „Damit wäre der Bedarf an Wasserstoff insgesamt geringer“, sagt Bradke. „Natürlich ist Wasserstoff ein guter Energiespeicher, der die schwankende Stromproduktion aus Sonnen- und Windstrom abfedert. Die Frage ist nur, ob wir ihn tatsächlich in so großen Mengen benötigen werden.“
Damit erscheint es sinnvoll, den Ausbau der Flüssigerdgas-Infrastruktur mit Bedacht voranzutreiben. Die Ukrainekrise und der plötzliche Lieferstopp durch Russland sind den Westeuropäern gehörig in die Knochen gefahren. Doch die Kritiker mahnen, Experten, Politiker und die Energiewirtschaft sollten sich trotzdem die Zeit nehmen, die Planungen bis zum Ende zu durchdenken. Für das DIW steht die Marschroute bereits fest. „Langfristig wirksame Investitionen“ sollten „nur in Projekte fließen, die vollständig mit dem Ziel von 100 Prozent erneuerbarer Energien vereinbar sind“ – und nicht in eine aufgeblähte LNG-Infrastruktur.
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