Die Champions vom Rhein - wissenschaft.de | Bild der Wissenschaft
BDW PlusTechnik & Digitales
Die Champions vom Rhein
Sich mit den Besten der Welt zu messen, motiviert nicht nur Fußballer und Olympioniken zu Höchstleistungen. Auch Forscher lieben den Wettbewerb. In der Weltliga der Robotik ist ein Team aus Deutschland seit mehr als zehn Jahren ganz vorne dabei.
Sie haben noch 2 von 3 kostenlosen Artikeln übrig1/3
von ULRICH EBERL
In den Hallen der Weltmeister herrscht eine ruhige Arbeitsatmosphäre. Unaufgeregt geht es zu, fast schon bescheiden. An den Wänden hängen nur ein paar Plakate und Zeitungsausschnitte. Die vielen Pokale, Trophäen und Siegerurkunden sind in Glasschränken kaum zu sehen. Konzentriert arbeiten junge Frauen und Männer an Computern und Werkbänken, überall liegen Kabel, Stecker, Metallschienen. Und dennoch: Hier sitzen in einem Raum die Fußballweltmeister von 2023 neben einem Kunstrasen, und einer kniet sogar vor dem Tor. In der Halle daneben kauert in der Ecke Momaro. Er führte vor zehn Jahren in einer Arena nahe Los Angeles zunächst das Feld der internationalen Wettbewerber bei der sogenannten DARPA Challenge souverän an, bevor er am zweiten Tag auf den undankbaren vierten Platz abrutschte.
Gleich neben ihm thront der Gewinner des mit fünf Millionen US-Dollar dotierten Hauptpreises des ANA-Avatar-XPRIZE-Wettbewerbs, der im November 2022 vergeben wurde. Auch Tiago steht hier, der im Juli 2024 im niederländischen Eindhoven seinen Weltmeistertitel errang. Als er den winkenden Besucher sieht, kommt er näher und fragt ihn höflich, was er von einem Tisch mit Getränken, Knabberzeug und Süßigkeiten bestellen wolle. Den gewünschten Softdrink holt er sofort und überreicht ihn mit formvollendetem Kopfnicken.
All diese Sieger, die im Erdgeschoss des Informatikzentrums der Universität Bonn versammelt sind, haben eines gemeinsam: Es sind keine Menschen, sondern Maschinen. Sie gehören zu dem Team „NimbRo“, das Sven Behnke, Inhaber des Lehrstuhls für Autonome Intelligente Systeme, vor 20 Jahren gegründet hat – zuerst in Freiburg und ab 2008 noch einmal in Bonn. NimbRo steht für „Nimble Robots“ – flinke, wendige Roboter. Und Behnkes Team hat in den letzten zehn Jahren mit Abstand die meisten Robotikwettbewerbe für sich entschieden – gegen starke Konkurrenz aus Südkorea, China, Japan, anderen europäischen Ländern oder den USA.
„Solch eine Wettbewerbsatmosphäre ist etwas ganz Besonderes“, schwärmt Raphael Memmesheimer, der seit seiner Doktorarbeit mit dabei ist. Beim XPRIZE-Finale fieberte er ebenso mit wie bei den RoboCup@Home-Wettbewerben für sogenannte Haushaltsroboter, die das Team NimbRo mehrfach gewonnen hat – zuletzt mit Tiago in Eindhoven.
Spannung und Adrenalin
„Das ist ein Gefühl wie bei Olympischen Spielen, mit all der Spannung und dem Adrenalin“, berichtet der Roboterexperte. „Dabei messen sich regelmäßig die besten Forscherteams der Welt, und wir von NimbRo haben inzwischen sehr viel Wettbewerbserfahrung. Das hilft insbesondere dann, wenn etwas schiefgeht und man schnell improvisieren muss.“
Mehr aus Technik & Digitales
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Technik & Digitales.
Da lösen die Forscher dann schon mal eine blockierende Bremse mit einem kleinen Stift und einem Klebeband um den Ellenbogen des Roboters, was beim XPRIZE die Funktionstüchtigkeit eines Roboterarms wieder herstellte. Ihre Maschinen passen die Forscher jeweils an die speziellen Anforderungen der Wettbewerbe an. So nimmt die Uni Bonn in der Humanoid-Adult-Size-Liga des RoboCup-Fußballturniers mit 1,35 Meter großen, zweibeinigen Robotern teil. „Das Endspiel 2023 hat unser Team mit 8:0 Toren deutlich gegen Südkorea gewonnen“, berichtet Memmesheimer stolz, „aber 2024 mussten wir uns gegen eine kalifornische Mannschaft geschlagen geben. Deren Fußballroboter verfügten über stärkere Motoren und waren einfach kräftiger und agiler.“
Ein Zentaur auf Rädern
Momaro, der am Wettbewerb der weltbesten Katastrophenschutzroboter teilgenommen hat, ist kein Zweibeiner, sondern gleicht einem metallenen Zentauren, der sich auf vier Beinen fortbewegt. Jedes Bein endet in einem lenkbaren Paar von Rädern. Die XPRIZE-Avatar-Roboter hingegen haben einen menschenähnlichen Oberkörper auf einer rollenden Plattform mit gelenkigen Armen und Fünffingerhänden. Und Tiago verfügt über einen sehr beweglichen Untersatz mit vier Rädern, zwei Greifarmen sowie einen flachen Kopf mit quer liegenden Augen und spitzen Antennen, die wie kleine Hörner nach oben ragen. „Die Maschine stammt von einem Roboterhersteller aus Spanien, aber wir haben noch einen Laserscanner und ein Display hinzugefügt sowie einen Rechner mit guter Grafikkarte für die Bildverarbeitung“, erläutert Memmesheimer. „Und wir haben den Rumpf des Roboters verlängert, damit er besser mit Objekten auf höheren Tischen agieren kann.“
Mit all dem war Tiago optimal für den RoboCup@Home-Wettbewerb gerüstet. Denn dort musste der Roboter autonom viele Aufgaben erfüllen, die im Haushalt zu erledigen sind: beispielsweise einen Frühstückstisch decken, in einem Restaurant bedienen, Tische abräumen und einen Geschirrspüler befüllen, wie ein Butler Gäste empfangen und sie anderen Gästen mit Namen vorstellen oder einer Person in belebter Umgebung folgen und ihr beim Tragen von Einkäufen helfen. Diese Einkäufe musste Tiago dann in Regale sortieren: die Softdrinks zu den Getränken, die Chipstüten zu den Snacks und so weiter.
Auf die Schuhe achten!
„Insgesamt waren beim RoboCup@Home zehn Aufgaben zu bewältigen und manche davon waren eine echte Herausforderung“, sagt Memmesheimer. So musste Tiago auch dafür sorgen, dass sich Feiernde bei einer Party richtig benehmen, dass sie ihren Abfall zum Mülleimer bringen oder ein verbotenes Zimmer – das Schlafzimmer – nicht betreten. „Das Schwierigste war, dass die Gäste in der Wohnung keine Schuhe tragen durften“, erklärt der Forscher. Doch wie soll ein Roboter beliebig geformte Schuhe erkennen? „Da hat Tiago dann manchmal die Socken mit Schuhen verwechselt“, berichtet Memmesheimer schmunzelnd.
Gegenüber früheren Wettbewerben haben sich die Fähigkeiten der Roboter allerdings enorm verbessert – vor allem dank Systemen der Künstlichen Intelligenz wie GPT-4o, die Sprache und Bilder gleichermaßen verarbeiten können, und einer leistungsfähigen Bildverarbeitung. „Früher redeten unsere Maschinen schon mal mit hochgewachsenen Topfpflanzen statt mit Menschen“, sagt Raphael Memmesheimer lachend. „Das passiert heute nicht mehr.“
Mit dem Salat auf der Siegerstraße
Auch die von dem Team frei wählbare Aufgabe im Finale wäre vor wenigen Jahren kaum lösbar gewesen. Da bat ein Jurymitglied den Roboter, in die Küche zu fahren und Zutaten für einen Salat mit Fleischbeilage zu finden. „Dafür müssen Sprachverarbeitung und Bilderkennung perfekt zusammenwirken. Das hat Tiago viele Siegpunkte gebracht.“
Noch schwierigere Aufgaben lassen sich lösen, wenn die Roboter nicht autonom arbeiten, sondern durch Menschen ferngesteuert werden. Genau das war das Ziel des hochdotierten XPRIZE-Wettbewerbs. Dabei setzte sich jemand, der nicht Teil des NimbRo-Teams sein durfte, eine Brille mit Kopfhörern und Bewegungsmarkern auf und steckte die Arme in eine Art Exoskelett mit Handschuhen. Damit konnte diese Bedienperson dann genau das sehen, hören und sogar fühlen, was der weiter entfernte Roboter sah, hörte und fühlte – und zwar in Echtzeit.
Wenn der Mensch im Exoskelett seinen Kopf drehte, wurde das auch in entsprechende Bewegungen des Roboterkopfes umgesetzt. Über eine Wippe, auf der die Füße ruhten, ließen sich zugleich die Räder des Roboters steuern. Und ein Display, das am Kopf des Roboters befestigt war, zeigte ein Bild des Bedieners samt Augen- und Lippenbewegungen, während ein Lautsprecher die Audiosignale übertrug. In etwas mehr als einer halben Stunde ließ sich auf diese Weise lernen, wie der Telepräsenz-Roboter zu steuern war.
Anschließend war eine ganze Reihe von Aufgaben zu erledigen. So sollte der ferngesteuerte Roboter mündliche Anweisungen entgegennehmen, durch einen Hindernis-Parcours fahren, Schalter umlegen, Thermoskannen wiegen und in kleine Vertiefungen stecken sowie mit einem Akkuschrauber hantieren, um eine verschraubte Tür zu öffnen. „Dahinter lagen raue und glatte Steine, und man sollte aus der Ferne allein über die Roboterhände, also ohne Sichtkontakt, einen rauen Stein erfühlen und herausholen“, berichtet Memmesheimer. All das erledigte der Mensch im Exoskelett mit dem Avatar-Roboter so flink und präzise, dass dem NimbRo-Team der Gewinn gegen 16 andere Wettbewerber nicht mehr zu nehmen war. Der NimbRo-Roboter war im Finale sogar doppelt so schnell wie der Zweitplatzierte aus Frankreich und fast viermal so schnell wie der Drittplatzierte aus den USA.
Fünf Millionen für die Forschung
„Inzwischen sind die fünf Millionen Dollar Siegprämie an der Uni Bonn angekommen und wir können sie frei für unsere Forschung einsetzen“, freut sich Institutsleiter Sven Behnke und ergänzt: „Das ist die höchste Gewinnsumme, die je bei einem Roboterwettbewerb ausgezahlt wurde.“ Maschinen mit Teleoperation wie beim ANA-Avatar-XPRIZE-Wettbewerb seien gut geeignet, meint Behnke, um deren Daten als Trainingsmaterial für autonom agierende Roboter einzusetzen: „Denn letztlich ist es unser Ziel, den Menschen nach und nach aus der Steuerung der Roboter herauszunehmen.“ Dann würde ein Mensch nicht mehr einen einzelnen Roboter bedienen, sondern vielleicht 100 Roboter betreuen, aber er müsse nur in etwa einem Prozent der Fälle eingreifen – „nämlich dann, wenn die Maschine um Hilfe bittet, weil sie erkennt, dass sie auf sich allein gestellt nicht weiterkommt.“
Doch wie lässt sich so etwas erreichen? „Die Roboter müssen ein eigenes Bewusstsein entwickeln“, fordert Behnke etwas provokativ. Damit meint er allerdings kein Ich-Bewusstsein wie bei Menschen, sondern die Fähigkeit, sich auf Wesentliches zu fokussieren, vorauszudenken, Risiken einzuschätzen und Aktionen erst in Gedanken zu simulieren, bevor sie ausgeführt werden. Routinehandlungen wie Laufen und Greifen müssen die Roboter von morgen so automatisiert ausführen und modular zusammensetzen, wie ein Mensch etwa auf ein Fahrrad steigt, es ausbalanciert und die Straße entlangfährt.
„Da das Arbeitsgedächtnis nicht beliebig groß ist, müssen Roboter – wie wir auch – ihre Aufmerksamkeit auf die wichtigen Dinge und die schwierigen Aufgaben richten“, erklärt Behnke. Sie müssen in der Lage sein, Abläufe mit Zwischenschritten zu planen und vorher zu überlegen, wo sich Probleme ergeben könnten und wie diese zu lösen sind.
„Mit der Maschine auf Du und Du“: Künstliche Intelligenz macht aus stumpfsinnigen Automaten clevere Partner des Menschen, die eigenständig hinzulernen.
„Helfende Roboterhände“: Der Mangel an Pflegekräften verlangt nach technischen Lösungen. Eine neue Generation smarter Maschinen kann sie bieten.
Die Modelle, die man dafür braucht, können teils vorgegeben sein, zum Beispiel in Form von Regeln. Diese Regeln können dem Roboter etwa vorgeben, dass ein Objekt, das hinter einem anderen verschwindet, nicht weg ist, sondern meist wieder auftaucht. Oder sie definieren, dass Gegenstände, wenn sie losgelassen werden, normalerweise nach unten fallen. Teilweise kann ein Roboter so etwas auch aus Erfahrung lernen, ähnlich wie dies Kleinkinder beim Spielen tun – oder er kann es durch logische Schlussfolgerungen aus anderem Vorwissen ableiten.
Automaten mit Bewusstsein
Doch je weiter eine Planung in die Zukunft reicht, desto unschärfer wird die Vorausschau, weil die Zahl der möglichen Alternativen mit der zeitlichen Distanz exponentiell wächst. „Die dann notwendige Abstraktion, die symbolartigen Repräsentationen und Kategorisierungen, die Modellierung von Unsicherheiten sowie die dazu erforderliche Selbstbeobachtung – all diese Dinge sind für mich wichtige Bestandteile von Bewusstsein“, stellt Behnke fest. Und genau das werden nach Einschätzung des Bonner Wissenschaftlers die Roboter der Zukunft benötigen, wenn sie für Menschen eine echte Hilfe sein sollen.
BDW PlusTechnik & Digitales
Hybride Dachanlage liefert Strom, Wärme und Kühlung zugleich
17. August 2026
Drei in einem: Eine neue Technik kann Kühlung, Solarstrom und Warmwasser vom Hausdach liefern – energiesparend und in nur einem platzsparenden Bauteil.
Technik & Digitales
Wie man eine Boeing 737 hackt
17. August 2026
60 Sekunden und ein handtellergroßes Gerät reichen, um ein Flugzeug zu hacken – beispielsweise eine Boeing 737, wie US-Forscher demonstrieren.