Auch im ganz normalen Leben können Prognosen Veränderungen bewirken und herauslocken aus gewohnten Bahnen. Journalisten lieben Prognosen und können nicht genug davon kriegen, sich die Welt in 20, 50 oder 100 Jahren auszumalen. Forscher hingegen hassen die Spekulationen und können nicht oft genug darauf hinweisen, dass die Zukunft prinzipiell nicht vorhersehbar ist.
Die meisten Menschen wollen wissen, was auf sie zukommt, wie das Wetter wird, wie sich die Wirtschaft entwickelt, ob die Mieten steigen, wann Überschwemmungen drohen, welche Krankheiten sich ausbreiten, wer die Wahl gewinnt. Es ist ein ganz normaler Wunsch, sich so gut wie möglich vorbereiten zu können auf das Kommende. Täglich sind wir gezwungen, Entscheidungen zu fällen, Abschätzungen vorzunehmen und Vorhersagen zu treffen. Und in der Tat ist es ja nur vernünftig, den Unsicherheiten der Zukunft durch möglichst viel Wissen zu begegnen. Doch was kann man überhaupt wissen über das Morgen?
Was ist schon sicher?
Es gibt absehbare Entwicklungen und langfristige Trends. Aber sind sie wirklich sicher? Es ist nicht einmal sicher, dass die Sonne wieder aufgeht, aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird es so sein. Also bewegen wir uns im Bereich des Wahrscheinlichen, der Statistik, der Trends und der Annahmen. Weil wir die Zukunft nicht kennen, sind alle unsere Entscheidungen letztlich Wetten oder Einschätzungen. Wir können – mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit – das Wetter für ein paar Tage vorhersagen, das Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr und die demografische Entwicklung in den kommenden Jahrzehnten voraussehen, nicht aber einen konkreten Unfall oder die Lottozahlen.
Das ärgert Menschen, die ihr persönliches Schicksal kennen wollen. Sie glauben, den Schleier der Zukunft lüften zu können, und lassen sich von Hellsehern oder Wahrsagern aus der Hand, dem Kaffeesatz, den Karten oder der Kristallkugel lesen. Wissenschaftler versuchen dagegen, die Zukunft zu berechnen. Der Bedarf nach Kalkulationen in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik wächst ebenso schnell wie die Unübersichtlichkeit. Wenn Politiker gestalten wollen, müssen sie die Auswirkungen ihrer Entscheidungen voraussehen können. Wenn Unternehmer erfolgreich sein wollen, müssen sie etwas über Zukunftsmärkte wissen. Forscher liefern mit ihren Prognosen Handlungsempfehlungen. Doch wissenschaftliches Wissen hat immer den Status des Vorläufigen. Vor allem aber beruht es auf Modellen und Annahmen und auf einer – oft riskanten – Vereinfachung der Welt. Komplexe Zusammenhänge lassen sich nicht genau beschreiben.
Systemfehler in der Zukunftsforschung
Auch ausgeklügelte Methoden und Modelle können nicht verhindern, dass Prognosen danebenliegen. Ein Grund ist offenkundig: Bekannte Entwicklungen der Gegenwart werden in die Zukunft verlängert. Daher werden immer die Entwicklungen prognostiziert, die bereits angelaufen sind. Doch weil entscheidende Daten oft zu spät vorliegen, gilt die Regel: Wer zuletzt mit seiner Prognose herauskommt, hat meist die beste Trefferquote. Hinzu kommt ein weiteres Phänomen: Immer wieder passiert etwas, was niemand auf der Rechnung hatte. Der ehemalige libanesische Börsenhändler Nassim Nicholas Taleb hat in seinem Bestseller “Der schwarze Schwan” schon vor einigen Jahren vorgeführt, welche große Bedeutung unerwartete Ereignisse haben. Deshalb sind Prognosen gerade dann so schwierig, wenn sie am nötigsten sind: in unruhigen Zeiten.





