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USA: Methanausstoß höher als gedacht

Erdgas
Erdgas-Abfackelung in den USA (Foto: Jeff Peischl/CIRES and NOAA)

Methan ist ein potentes Treibhausgas. Deshalb ist es wichtig, sowohl die Emissionen dieses Gases zu kennen als auch sie zu begrenzen. Doch bisher gab es ausgerechnet bei einem der größten Erdgasproduzenten weltweit Unklarheiten: den USA. Jetzt enthüllt eine großangelegte Messkampagne, dass die Methanemissionen der US-Erdöl- und Erdgasförderung 60 Prozent höher sind als bisher gedacht. Ein Großteil des entweichenden Gases stammt dabei aus Lecks an Förderanlagen und Leitungen – und wäre damit vermeidbar, so die Forscher.

Methan (CH4) entfaltet in den ersten 20 Jahren nach seiner Freisetzung eine mehr als 80-fach stärkere Treibhauswirkung als Kohlendioxid (CO2) in der Atmosphäre. Dieses Gas wird auf der Erde aus zahlreichen natürlichen Quellen frei, darunter aus dem Meeresboden, Vulkanen, aber auch aus Sümpfen und anderen Feuchtgebieten. Dazu kommen die Methanemissionen durch die menschlichen Aktivitäten. Wir setzen Methan durch die Gewinnung von Erdöl und Erdgas frei, aber auch in der Landwirtschaft und aus Deponien. Als Folge hat sich der Methangehalt in der Erdatmosphäre seit 1750 mehr als verdoppelt und trägt zum Klimawandel bei. Daher wird heute versucht, die anthropogenen Emissionen des Methans möglichst zu begrenzen. Das jedoch setzt voraus, dass jeweils die Quellen und Menge der Emissionen bekannt sind – und das galt für die USA bisher nur eingeschränkt.

So viel wie alle US-Kohlekraftwerke zusammen

„Das starke Wachstum der US-Öl- und Erdgasproduktion seit 2005 hat Sorgen über die Klimawirkung der verstärkten Nutzung dieses Gases geweckt“, erklären Ramon Alvarez vom Environmental Defense Fund in Texas und seine Kollegen. Doch wie viel Methangas tatsächlich im Land frei wird, darüber gab es weit auseinanderliegende Schätzungen. Um das zu ändern, hat ein Team von mehr als 140 Forschen aus 40 Institutionen die bisher umfangreichste Messkampagne zum Methanausstoß der US-Öl- und Gasindustrie durchgeführt. Die Wissenschaftler untersuchten die Emissionen von mehr als 400 Fördergebieten in sechs Regionen und unzählige Leitungen, Anlagen und Verarbeitungsschritte. Ihre Daten gewannen sie dabei sowohl durch Messungen per Flugzeug als auch durch Proben vor Ort.

Die Auswertung der Daten ergab: Die US-Öl- und Gasindustrie setzt pro Jahr 13 Millionen Tonnen Methan frei. Diese Menge Methangas wäre ausreichend, um zehn Millionen Haushalte zu heizen und entspricht einem Wert rund 20 Milliarden US-Dollar. „Die Methan-Emissionen pro verbrauchter Gaseinheit erzeugen damit fast die gleiche Treibhauswirkung wie 20 Jahre der Verbrennung von Erdgas“, berichten Alvarez und seine Kollegen. „Die Klimawirkung dieser Methanemissionen ist zudem vergleichbar mit dem CO2-Ausstoß aller US-Kohlekraftwerke im Jahr 2015.“ Hinzu kommt: Die Methanemissionen der US-Öl- und Gasindustrie sind damit rund 60 Prozent höher als bisher von der US-Umweltbehörde angenommen.

Lecks und Betriebsfehler als Hauptursache

Hauptquelle dieser unerwartet hohen Methanemissionen sind nach Angaben der Forscher Lecks, Fehlfunktionen von Anlagen und andere „unnormale“ Betriebsbedingungen. „Eine Untersuchung mittels Infrarot-Luftbildern von rund 8000 Produktionsstätten in sieben großen Vorkommen zeigte, das vier Prozent der Anlagen messbare Wolken hoher Methanemissionen ausstieß“, berichten die Forscher. 90 Prozent dieser Sichtungen waren Emissionen aus den Luken und Ventilen von Flüssiggastanks. Das bedeutet aber auch: Ein Großteil dieser Emissionen wären leicht vermeidbar. „Wir haben damit ein großes Problem, aber auch eine enorme Chance enthüllt“, sagt Alvarez‘ Kollege Steven Hamburg. „Denn die Reduktion des Methanausstoßes im Öl- und Gassektor ist der schnellste und effektivste Weg, die Rate der Erwärmung zu verlangsamen.“

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Tatsächlich gibt es bereits erste Bemühungen seitens der Ölkonzerne, die Lecks in ihren Anlagen zu reduzieren. Im April 2018 hat BP sich erstmals eine Obergrenze für Methanemissionen gesetzt. Im Mai verpflichtete sich Exxon Mobil, das absichtliche Abfackeln von Erdgas herunterzufahren und die Methanemissionen zu senken. Noch sind dies zwar nur Absichtserklärungen, aber es ist zumindest ein Anfang. „Die Unternehmen haben die Fähigkeit, durch eine bessere Betriebspraxis, technische Innovationen und stärkere Kontrollen die Entwicklung voranzutreiben“, kommentiert Mark Brownstein, Vizepräsident des Environmental Defense Fund.

Quelle: Ramón Alvarez (Environmental Defense Fund, Austin) et al., Science, doi: 10.1126/science.aar7204

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