Das Gespräch führte RÜDIGER VAAS
Frau Dr. Wagner, Sie sind Hauptautorin eines umfangreichen Übersichtsartikels in der renommierten Fachzeitschrift Classical and Quantum Gravity. Darin geht es um zahlreiche Beobachtungen, die im Widerspruch zum gegenwärtigen Standardmodell der Kosmologie zu stehen scheinen. Ergeben diese Probleme ein konsistentes neues Bild?
Mit unserem Übersichtsartikel wollten wir genau das herausfinden. Leider konnten wir keine klare Systematik erkennen, die auf ein bestimmtes kosmologisches Modell verwiesen hätte. Wir meinen, dass das Standardmodell der Kosmologie jetzt oder später verfeinert und somit korrigiert werden muss. Doch in welcher Hinsicht, das zeigen uns die Daten noch nicht.
Was wäre eine signifikante Widerlegung des kosmologischen Standardmodells?
Es ist sehr flexibel. Sonst hätte es nicht so viele Tests überstanden, die frühere Weltmodelle widerlegt haben. Diese Flexibilität folgt aus der Tatsache, dass es unsere gegenwärtigen Daten zulassen, dass verschiedene kosmologische sowie daran angepasste astrophysikalische Modelle diese Daten gleich gut erklären. Dies ist ein Beispiel für die sogenannte Unterbestimmtheit von Theorien. Sie erschwert eine Falsifikation des kosmologischen Modells. Manche Kollegen sehen erst einen Bedarf, das Standardmodell zu ändern, wenn alle astrophysikalischen Erklärungen für unsere Beobachtungen zu abwegig erscheinen. Anderen Kollegen genügt ein alternatives Modell, das alle Daten konsistent erklärt. Günstig wären Vorhersagen, die sich bald überprüfen lassen, etwa mit den Weltraumteleskopen James Webb oder Euclid.
Was wäre momentan die plausibelste Alternative?
Betrachtet man die Verteilung von Radiogalaxien oder die Bewegungen von Galaxienhaufen, sind die besten Modelle solche mit einem Dipol, also mit einer Vorzugsrichtung. Das passt nicht zum Kosmologischen Prinzip des Standardmodells: der Annahme, dass die Materie in jeder Richtung gleich verteilt ist.
Wie kam es zu Ihrem Übersichtsartikel?
Der Übersichtsartikel ging aus einer Konferenz hervor, in der alle Diskrepanzen diskutiert wurden. Dabei kam die Idee auf, die Ergebnisse im Zusammenhang darzustellen und nicht bloß als separate Beiträge in einem Konferenzband zu sammeln.





