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Allgemein

Aloe vera – Alles nur Werbung?

Alternativheiler und die Ernährungsindustrie drücken zurzeit Produkte aus Aloe vera auf den Markt. Ihre Versprechen sind gewaltig: Aloe soll den Körper regenerieren und vitalisieren, die Haut verjüngen und gegen Krebs, Strahlen- schäden und Neurodermitis helfen.

Prof. Edzard Ernst überprüft Verfahren und Heilmittel aus der Naturheilkunde und Alternativmedizin auf ihre Wirksamkeit. Ernst ist Lehrstuhlinhaber für Komplementärmedizin an der Universität Exeter in Großbritannien. Der gebürtige Wiesbadener (Jahrgang 1948) studierte Medizin an der Universität München und forschte in London, Hannover und Wien.

bild der wissenschaft: Herr Prof. Ernst, Aloe scheint ja eine wahre Wunderpflanze zu sein?

Ernst: Aloe-vera-Produkte werden derzeit tatsächlich sehr aggressiv beworben. Und das, obwohl per Gesetz für nicht zugelassene Arzneimittel eigentlich prinzipiell keine medizinischen Indikationen benannt werden dürfen. Obendrein kann bei Aloe von harten Forschungsergebnissen, die die Behauptungen belegen, nicht die Rede sein.

bdw: Sie haben die Untersuchungen anderer Forscher analysiert. Welche von den Wirksamkeits-Behauptungen können demnach als bewiesen gelten?

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Ernst: Wir haben eine umfassende Arbeit publiziert, in der alle klinischen Studien, die einem bestimmten methodischen Niveau entsprachen, unter die Lupe genommen wurden. Die Quintessenz unserer Publikation war, dass die Wirksamkeit von Aloe vera außer als Abführmittel bei keiner Indikation nachgewiesen ist.

bdw: Wirklich bei keiner?

Ernst: Ja, es ist tatsächlich so. Es gab zwar Studien, die auf eine Wirkung bei genitalem Herpes und Psoriasis hinwiesen sowie auf eine Blutzucker und Blutfett senkende Wirkung. Aber diese Untersuchungen hatten zu viele methodische Schwächen, um eindeutig zu sein. Außerdem gab es keine einzige unabhängige Überprüfung. Selbst bei der seit langem behaupteten wundheilenden Wirkung gab es widersprüchliche Ergebnisse.

bdw: Und die klassischen Aloe-Anwen- dungen: Hautschutz und Abführmittel?

Ernst: Behauptungen, dass Aloe vera dem Alterungsprozess der Haut vorbeugen kann oder bei inneren Erkrankungen hilft, sind wahrscheinlich ebenfalls nicht haltbar. Was dagegen sehr offensichtlich ist und daher kaum einer klinischen Studie bedarf, ist die abführende Wirkung von Aloe vera.

bdw: Aber in der Werbung wird doch behauptet, dass Aloe voller Wirkstoffe stecke?

Ernst: Jede Pflanze enthält eine Vielzahl von Stoffen, von denen häufig einige pharmakologische Aktivitäten aufweisen, die potenziell therapeutisch nutzbar sind. Bei Aloe vera gibt es unterschiedliche Inhaltsstoffe, je nach verwendetem Pflanzenteil. Das Gel aus dem weichen Zentrum der überirdischen Pflanzenteile enthält eine Reihe von Polysacchariden mit weitgehend ungeklärter Wirkung. Der Saft aus den äußeren Hüllenzellen der Pflanze hingegen enthält Aloin, Anthraquinone und Barbaloine. Er ist als Nahrungsergänzungsstoff im Handel und dient vor allem als Abführmittel. Diese Stoffe sind potenziell pharmakologisch aktiv, aber ob sie wirklich eine heilende Wirkung haben, müssten hochwertige Untersuchungen prüfen.

bdw: Was ist mit der Qualität der Studien, auf die in der Werbung Bezug genommen wird?

Ernst: Die meisten Studien sind mangelhaft – sie entsprechen nicht den heute akzeptierten Standards für klinische Prüfungen. So gibt es zum Beispiel nur sehr wenige Studien mit einer Kontrollgruppe. Und ohne eine Kontrollgruppe, die ein Scheinmedikament – ein Placebo – bekommt, lässt sich über die Wirksamkeit so gut wie nichts aussagen.

bdw: Was fehlt außerdem?

Ernst: Man muss sich vorher überlegen, was man eigentlich messen will und welche Erfolgskriterien es gibt. Die Studien müssen mit zahlreichen Patienten durchgeführt werden und auch lange genug laufen, um Effekte und Nebenwirkungen klar erkennen zu können. Es muss nach dem Zufallsprinzip entschieden werden, welche Versuchsperson den Wirkstoff und welche das Placebo bekommt. Außerdem müssen solche Untersuchungen von unabhängigen Institutionen durchgeführt werden, nicht nur von den Firmen selber. Die Ergebnisse müssen reproduzierbar sein und von anderen Forschungsgruppen überprüft werden können.

bdw: Aloe ist ein Naturprodukt und gilt darum bei vielen Menschen als ungefährlich. Stimmt dieser einfache Rückschluss?

Ernst: Bei Aloe vera sind glücklicherweise keine ernsten Nebenwirkungen bekannt. Wenn man die Aloe-Präparate trinkt, kann es aber zu Bauchschmerzen kommen. Der allgemeine Schluss, dass „ natürlich“ „harmlos“ bedeutet, ist auf jeden Fall irreführend und sogar gefährlich. In der Pflanzenwelt gibt es viele potente Gifte – jeder Pilzsammler weiß das.

bdw: Wie sieht es mit Schäden bei Daueranwendung oder während Schwangerschaft und Stillzeit aus?

Ernst: Prinzipiell sollen Medikamente, wenn es sich vermeiden lässt, nicht auf Dauer genommen werden. Das trifft auch für pflanzliche Wirkstoffe wie Aloe vera zu. Wir haben kaum aussagekräftige Daten zur Langzeitsicherheit von Phytotherapeutika. Auch über die Unbedenklichkeit in der Schwangerschaft oder in der Stillzeithaben wir keine zuverlässigen Daten .

bdw: Ist es nicht generell unwahrscheinlich, dass es eine Substanz gibt, die viele pharmakologische Wirkungen hat, ohne dabei gleichzeitig unerwünschte Nebenwirkungen aufzuweisen?

Ernst: Die Faustregel lautet: Wenn ein Mittel pharmakologische Effekte besitzt, die therapeutischen Nutzen bringen können, dann ist dieses Mittel auch im Stande, Schaden anzurichten. Das gilt für synthetische Medikamente wie für pflanzliche. Der Körper hat keine Rezeptoren, die zwischen synthetisch und natürlich differenzieren können.

bdw: Was ist Ihr Fazit?

Ernst: Aloe vera ist nur deswegen so populär, weil es so aggressiv beworben wird. Die Intensität der Aloe-vera-Werbung steht aber in keinem direkten Zusammenhang zum nachgewiesenen Nutzen des Produkts.

Aloe vera Die lilienartige Pflanze mit den dicken fleischigen Blättern stammt wahrscheinlich aus dem Sudan und der Arabischen Halbinsel. Schon im Altertum wurde Aloe barbadensis – wie sie von den Botanikern bezeichnet wird – als Hautpflege- und Abführmittel benutzt. Heute gibt es Anbaugebiete in Afrika, Asien und Amerika. Seit einigen Jahren boomt der Umsatz mit Aloe. Das weltgrößte Aloe-Unternehmen Forever Living Products (FLP) aus den USA setzt nach eigenen Angaben jährlich 1,7 Milliarden US-Dollar mit Produkten aus der Pflanze um.

Thomas Willke

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