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Böse Brüder

Sie gelten als die verruchte Verwandtschaft: Israels Nachbarn – Edomiter, Moabiter, Ammoniter, Aramäer, Phönizier und Philister-Kanaanäer – werden im Alten Testament verteufelt. Jetzt versuchen sich Archäologen an ihrer Ehrenrettung.

Für den Hirten des Stammes ‚Azazme war die Gegend zu abgelegen, er zog sich mit seinem Kleinvieh aus dem Talkessel zurück. Wölfe hätten in der Nacht zuvor seine Ziegenherde angegriffen, erzählte er den deutschen Archäologen, und er könne sich nicht verteidigen, ohne Gewehr.

Ulrich Hübner, im Zivilberuf Professor für Biblische Archäologie in Kiel, ließ sich nicht schrecken: Er sucht alljährlich in den staubigen Einöden Südjordaniens nach den Zeugnissen des biblischen Reiches Edom. In der langgezogenen Bergsenke zwischen Rotem und Totem Meer, der ‚Araba, war er in den letzten Jahren erfolgreich: Nach dem Hinweis eines anderen, diesmal bewaffneten Ziegenhirten entdeckte er dort den prähistorischen Siedlungsplatz Qurayyat al-Mansur.

Nach eingehender Untersuchung entpuppte sich der Ort als Großsiedlung mit Mauer, Toranlage, Wohn- und Lagerhäusern und Ställen. Auf 350 schätzt Hübner die ständige Bewohnerzahl in der Eisenzeit des 7. bis 6. Jahrhunderts v.Chr. Diese Wehrsiedlung sicherte den Gütertransport der nahe gelegenen Kupferindustrie und diente wohl auch als Umladeplatz – von geländegängigen Eseln auf wüstentaugliche Kamele. Von hier ging es weiter nach Ägypten und Arabien in der einen und nach Mesopotamien, Anatolien und die Mittelmeerküste in der anderen Richtung.

Qurayyat al-Mansur ist die am besten erhaltene Stadtanlage Edoms und erweitert das Bild dieses biblischen Randreiches beträchtlich. Die Entdeckung wiegt umso schwerer, als es von den Nachbarn Israels und Judas so gut wie keine eigenen schriftlichen Nachrichten gibt: Nahezu alles, was man von Edomitern, Moabitern, Ammonitern, Aramäern, Phöniziern und Philister-Kanaanäern weiß, stammt aus dem Alten Testament. Da sind diese Völker zwar entfernte Verwandte, aber immer und eindeutig die „Bösen“. Inzwischen hat die archäologische Forschung etwas neutrales Licht auf sie geworfen.

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Die späte Bronzezeit der Großregion Palästina (1500 bis 1200 v.Chr.) war gekennzeichnet durch prosperierende Stadtstaaten und wirtschaftliche Globalisierung. Der internationale Handel brach unter dem Ansturm der Seevölker zusammen. Palästina – eine Provinz ohne nennenswerte Bodenschätze – traf es besonders hart: Die Menschen mussten sich in neuen Siedlungsräumen organisieren. Es entstanden viele dörfliche, sich selbst versorgende Strukturen. In einem etwa drei Jahrhunderte dauernden Prozess bildeten sich daraus – völlig neu in der Geschichte Palästinas – ab dem 10. Jahrhundert v.Chr. die ersten Flächen- oder Territorialstaaten, mit Schrift, Verwaltung und einem König. Die dazu unerlässliche „Volkwerdung“ der Bewohner erreichte man am besten

• nach außen mit Kriegen gegen die Nachbarn,

• nach innen über die Identifizierung mit dem König und einem Staatskult.

Die Philister, Versprengte der Seevölker-Invasion und in den alteingesessenen Kanaanäern aufgegangen, belebten die bronzezeitlichen Städte Gaza, Aschkalon, Aschod, Ekron und Gat. „ Das nährt die biblische Überzeugung, die geschäftstüchtigen Küstenleute müssten aggressiv, traditionell feindlich, rachsüchtig, habgierig, arrogant und herzlos sein“, analysiert der Rostocker Archäologe Hermann Michael Niemann die – aus Minderwertigkeitskomplexen geborene – Abneigung der Bergleute gegenüber den Küstenbewohnern. Die geballte Wirtschafts- und Militärkraft an seiner Südflanke war vermutlich der Anstoß für die Errichtung des israelitisch-judäischen Königtums.

Die Auseinandersetzungen hatten in mythischer Zeit begonnen: Der gottgeweihte israelitische Krieger Samson büßte nach einem Schäferstündchen mit der feindlichen Philisterin Dalila seine herkulische Kraft ein und brachte im Gegenzug den Tempel in Gaza zum Einsturz. Hirtensohn David besiegte ganz allein mit seiner Steinschleuder den riesenhaften Philister Goliath. Kriege wurden mit wechselnden Erfolgen geführt, Israel-Juda, so die Bibel, war letztlich siegreich. Eine eigenständige Kultur der Philister ist durch die Assimilierung kaum nachzuweisen. Sie übernahmen nahtlos den kanaanäischen Pantheon und wechselten sprachlich vom Indogermanischen zum Westsemitischen aller Palästina-Bewohner.

Die Phönizier, weiter nördlich im Bereich des heutigen Libanon direkte Nachbarn von Israel, waren den Israeliten-Judäern ebenfalls wirtschaftlich und kulturell überlegen. Die archäologischen Funde weisen ein klares Gefälle in den Handelsbeziehungen auf: landwirtschaftliche Produkte aus Israel gegen Luxusgüter aus Phönizien. Doch die israelitischen Könige kooperierten zum eigenen Vorteil mit den Nachbarn, heirateten gar phönizische Prinzessinnen – was in Juda übel vermerkt wurde, denn „man“ mischt sich nicht mit den Feinden. Zumal die Küstenanrainer auch noch die verhassten Götter Baal und Astarte verehrten. Für Salomons biblischen Tempelbau in Jerusalem lieferten die Phönizier Handwerker und Baumaterialien. Die Kontakte waren problemlos, da sich die phönizische Sprache kaum vom Hebräischen unterschied. Von Tyrus, Sidon, Beirut und Byblos aus betrieben die Phönizier einen florierenden Handel bis nach Ägypten und weit ins westliche Mittelmeer hinein. Nicht zuletzt transformierten sie die sperrige altorientalische Keilschrift in das bis heute gebräuchliche Buchstaben-Alphabet.

Die Aramäer kamen ursprünglich aus der syrischen Steppe und wurden – wie die Philister für Juda – im Alten Testament die Erzfeinde Israels. In der Grenzregion der beiden Reiche kollidierten zu viele wirtschaftlich und strategisch brisante Interessen, als dass man als friedliche Nachbarn hätte leben können. Vor allem querten wichtige Handelsrouten die Gebiete. Kriege waren an der Tagesordnung, obwohl man sich einer entfernten Verwandtschaft aus den Zeiten Abrahams bewusst war. Die Damaskus-Aramäer eroberten und besetzten zeitweilig das Kernland Israels, wichtige Städte wie Meggido, Hazor und Dan wurden zerstört, die landwirtschaftlich wichtigsten Landstriche gingen für Israel verloren.

Die Ammoniter siedelten auf dem ostjordanischen Hochplateau, vermutlich entstammten auch sie der kanaanäischen Konkursmasse nach dem Zusammenbruch der Stadtstaaten um 1200 v.Chr. Sie wurden besonders geschmäht, denn laut Altem Testamant war der Ahnherr des Volkes vom betrunkenen Lot mit einer seiner Töchter gezeugt worden. „Das war mit Sicherheit nicht das Selbstverständnis der Ammoniter“, lästert Ulrich Hübner. Aber außer einigen wenigen Inschriften und Siegeln gibt es keine schriftlichen Nachrichten außerhalb der Bibel. Und die archäologischen Befunde sind rar. Kriege um die ostjordanischen Gebiete Israels waren zwangsläufig. David eroberte Ammon und setzte sich dessen Krone auf, sein Nachfolger Salomon stiftete dagegen dem ammonitischen Staatsgott Milkom ein Höhenheiligtum. Nach dem Zerfall des vereinigten israelitisch-judäischen Königtums konnte sich Ammon als Zwergstaat zwischen mächtigen Nachbarn dank einer Schaukelpolitik lange Zeit eine relative Unabhängigkeit erhalten, bis es im 7. Jahrhundert v.Chr. – wie alle anderen Reiche der Region – ins assyrische und später babylonische Imperium eingegliedert wurde.

Die Moabiter wurden durch die Abgrenzungstendenzen des Alten Testaments ebenfalls abgewertet, denn auch sie entstammten laut Bibel dem weintrunkenen Verhältnis Lots mit einer seiner Töchter. Israel hielt das kleine Königreich östlich des Toten Meeres lange Zeit besetzt, bis es durch Angriffe der Aramäer seine Kräfte im Norden bündeln musste. Der moabitische König Mescha eroberte 845 v.Chr. weite Teile der ostjordanischen Besitzungen Israels. Er berichtet darüber triumphierend in der so genannten Mescha-Stele, einer der wenigen politisch-geschichtlichen Nachrichten außerhalb der Bibel. Der zentrale Ort des Reiches liegt, unzugänglich für die Archäologen, unter der Kreuzfahrerburg Kernak.

Die Edomiter siedelten südlich der Moabiter bis zum Golf von Akaba. Sie waren das kleinste und ärmste Volk unter den Nachbarn Juda-Israels. Seine auf karger Landwirtschaft basierende Ökonomie wurde durch die Kontrolle der Weihrauchstraße nach Arabien und den Kupferabbau in der ‚Araba aufgebessert. Die Edomiter wurden jedoch nur teilweise sesshaft, entwickelten also erst spät und nur ansatzweise eine eigene Staatlichkeit. Über die biblische Gestalt Esau waren die Edomiter mit den Israeliten verwandt, was diese jedoch nicht daran hinderte, sie in die Phalanx der Feinde einzugliedern. Edom wurde erobert, befreite sich und fiel um 700 v.Chr. unter assyrische Oberherrschaft. Der Staatsgott Qos wurde in der Hauptstadt Bosra verehrt, die archäologisch gut erschlossen ist. Eigene schriftliche Nachrichten der Edomiter gibt es bislang nicht.

Nach alledem ist klar, dass Palästina nie ein ethnisch einheitlicher Block gewesen ist, aber alle Völker aus dem gleichen kanaanäisch-palästinensischen Bevölkerungsgemisch stammten. „Nach ihrem Selbstverständnis“, schreibt Ulrich Hübner, „gehörten die Israeliten nicht zur eingeborenen Bevölkerung, sondern wollten als Immigranten und Invasoren, also als Fremde, ins Land gekommen sein.“ Da es ihnen aber von Gott verheißen war, sahen die Israeliten die einheimische Bevölkerung als die Fremden im Land und sich selbst als die Einheimischen – eine atemberaubende Dialektik. Über dieser in der Bibel kodifizierten imaginären Geschichte, konstatiert Hübner, „kam Israel seine reale Geschichte weitgehend abhanden“. ■

Michael Zick

Ohne Titel

• Von den Nachbarn Israels und Judas gibt es kaum schriftliche Überlieferungen.

• Fast alles, was man von Philistern & Co weiß, stammt aus dem Alten Testament.

• Die Darstellungen dort sind alles andere als unparteiisch.

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