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Der Dino-Jäger

Wie ein US-Paläontologe bei der Saurier-Forschung für frischen Wind sorgt. Schon nach den ersten Forscherjahren gehört Paul Sereno von der Universität Chicago zu den erfolgreichsten Dinosaurier-Wissenschaftlern aller Zeiten.

Jemand mit so viel Glück stirbt bestimmt früh“, kommentierte Paul Sereno einmal seine überragenden Erfolge, mit denen er seit gut zehn Jahren die Fachwelt in Atem hält. Wo immer der Professor von der Universität Chicago nach Fossilien grub: Spektakuläre Funde waren ihm sicher. Ein Dutzend Dinosaurier-Skelette förderte er bereits zutage – darunter auch das älteste überhaupt. Doch Sereno bereichert nicht nur die Wissenschaft mit neuen Erkenntnissen über das Entstehen der Saurier, über ihre Evolution und ihre Verbreitung. Er schreibt populäre Beiträge und Bücher, er organisiert Lehrveranstaltungen für sozial benachteiligte Schüler. „Sereno ist einer dieser Ausnahmeforscher, die sowohl im Labor als auch draußen bei Exkursionen spitze sind“, sagt der amerikanische Paläontologe Robert Bakker über seinen Kollegen, der Dinosaurier aus der Erde zaubere wie ein Magier rosa Kaninchen aus einem Zylinder. Um bei den außergewöhnlichen Dingen zu bleiben: Vom People Magazine wird der Sunnyboy, der mit 1,85 Meter, idealem Body-Mass-Index und strahlendem Lächeln durch die Welt zieht, zu den 50 bestaussehenden Amerikanern gezählt.

Schlicht und unscheinbar ist dagegen sein Büro im Anatomischen Institut der noblen Privat-Universität Chicago, der „U of C“. Hier drücken sich meterlange Regale gegen die hohen Wände, zentnerweise gefüllt mit Büchern und Aktenordnern. In der Enge ist trotzdem noch Platz für Serenos Rennrad und für einen riesigen Schreibtisch, auf dem sich eine geordnete Papierflut und ein brauner, 30 Zentimeter hoher Spielzeugdino befinden. Echte Dinosaurier-Überreste beherrschen sein Labor, das sich über drei Etagen in einer ehemaligen Werkstatt für Großgeräte-Forscher erstreckt. Im kühlen Kellergeschoß liegen Fossilien in großen Kisten, in denen sie auf ihre Demumifizierung warten. Vom Sand der Jahrmillionen durch vorsichtige Studentenhände befreit, halten sie dann Einzug in die oberen Stockwerke, wo sie nackt und blank auf endlosen Tapeziertischen ruhen – wie die 57 Schwanzwirbel einer Brontosaurus-Art, die auf Styroporplatten gebahrt ihrer Verewigung entgegensehen. Es hat den Anschein, als ob Sereno jeden Knochen persönlich kennt.

Seine Jagd auf Saurier begann vor einem guten Jahrzehnt. Gleich bei seiner ersten Expedition, einer Reise in die argentinischen Anden, gelang ihm ein Coup: Im Tal des Ischigualasto fand der damals 31jährige die Gebeine eines 225 Millionen Jahre alten Herrerasaurus: „Dieser Fund war sehr wichtig“, sagt Sereno, „denn dadurch sahen wir endlich, aus welchem Grundstock anatomischer Merkmale die Evolution schöpfen konnte, welche Charakteristika über Millionen von Jahren Bestand hatten und welche sich veränderten.“ Von Herrerasaurus stammen sowohl die zweibeinigen Fleischfresser wie Tyrannosaurus Rex ab als auch vierbeinige Pflanzenfresser wie Brontosaurus.

Herrerasaurus maß vier Meter und lief auf zwei kurzen, starken Beinen durch die Trias, wie das damalige Erdzeitalter hieß. Zu jener Zeit trabten die ersten Saurier über die Erde, deren Landmassen in einem einzigen Superkontinent – der sogenannten Pangäa – zusammengeballt waren. Sereno schätzt, daß es damals erst 20 verschiedene Dinosaurierarten gab. Eine von ihm ausgegrabene Art taufte er „Eoraptor“: Räuber in der Morgendämmerung. Sereno gab ihr den Namen nicht deshalb, weil die Tiere bei Tagesanbruch Beute machten, sondern um zu markieren, daß mit Eoraptor die Domäne der Dinosaurier begann, die 160 Millionen Jahre währte: Nach den Bodenproben aus der Fundschicht ist Serenos Eoraptor 228 Millionen Jahre alt. Damit ist er der älteste gemeinsame Vorfahre aller Dinosaurier und die primitivste Saurierspezies, die der Wissenschaft bis heute bekannt ist.

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Sereno entdeckte das Fossil bei seiner zweiten Expedition, die ihn 1991 erneut in das argentinische Ischigualasto-Tal, führte. „ Ein Lottogewinn ist wahrscheinlicher“, bewertet der Wissenschaftler seine spektakuläre Ausgrabung, die ihm den Ruf als Magier der Paläontologie verschaffte. Anhand der messerscharfen Zähne und Klauen ist zu erkennen, daß Eoraptor zu den Fleischfressern gehörte. Der primitive Räuber maß vom Kopf bis zur Schwanzspitze zwar nur weniger als einen Meter. Doch mit seinem aufrechten Gang und den starken Beinen war er größer, schneller und beweglicher als jedes andere Lebewesen zur damaligen Zeit. „Genau darin liegt das Erfolgsgeheimnis der Dinosaurier“, kommentiert Sereno.

Die Chancen, daß man einen noch älteren Saurier ans Tageslicht befördert, sind laut Sereno durchaus vorhanden: „Eoraptor weist bereits einige Spezialisierungen auf und ist deshalb nicht der gesuchte Bilderbuch-Urahn.“ „Im Prinzip kann man auf der ganzen Welt Saurier finden, sogar in der Antarktis“, meint Sereno. Aber die Chancen sind größer, wenn man in einem Gebiet gräbt, wo andere schon einmal fündig wurden. Literatur und geologische Karten bilden daher die wichtigsten Kriterien für die Wahl des Expeditionsziels.

Seit Mitte der neunziger Jahre bereist der Saurierforscher auch Afrika, einen Kontinent, der bis dahin nicht allzuviel über seine Dinosaurier preisgegeben hatte. Unter den sechs Tonnen Knochen, die er 1993 nach seiner ersten Reise aus dem Niger nach Chicago brachte, waren auch die Gebeine von zwei unbekannten Dino-Arten. Der eine war ein 18 Meter langer Pflanzenfresser, der Ende 1999 auf den wissenschaftlichen Namen Jobaria tiguidensis getauft wurde. Beim anderen handelt es sich um einen zehn Meter langen Fleischfresser mit sichelförmigen Klauen und sechs Zentimeter langen Zähnen, den Sereno Afrovenator abakensis taufte. Der „Jäger aus Afrika“ und der Pflanzenfresser lebten vor gut 130 Millionen Jahren, während der Kreidezeit. Zu jener Zeit war der Superkontinent Pangäa – so die bisherige Lehrmeinung – bereits in eine nördliche und eine südliche Landmasse gespalten, wobei sich die südliche Landmasse gerade in Südamerika und Afrika auftrennte. Serenos Funde passen jedoch nicht ins Klischee. Sollte sich die Landentwicklung tatsächlich in dieser Reihenfolge abgespielt haben, dann müßten die Saurier mehr Ähnlichkeit mit südamerikanischen Spezies haben. Doch die Tiere sind näher mit nordamerikanischen Arten verwandt: Afrovenator abakensis ist dem nordamerikanischen Allosaurus zuzuordnen. Und Jobaria ist mit dem nordamerikanischen Brontosaurus verwandt.

„Entweder lagen die nördliche und südliche Pangäa-Hälfte länger zusammen als bisher angenommen, oder die heute in Nordamerika gefundenen Dinosaurierarten dominierten auf Pangäa schon ehe der Kontinent zerbrach“, erklärt sich Sereno diesen Befund. Seine zweite Afrikareise – 1995 nach Marokko – erhärtete seine Hypothese. Neben einer neuen Dinosaurierspezies fand sein Team den 1,60 Meter langen Schädel eines Carcharodontosaurus saharicus. Dieser 90 Millionen Jahre alte Kopf gehörte einem der größten Fleischfresser überhaupt: 13,5 Meter groß und damit um über einen Meter länger als der gefürchtete T-Rex. Sein Gehirn, so klein wie eine Walnuß, paßt zweimal in das eines T-Rex – und 15mal in das eines Menschen. Interessant ist dessen Ähnlichkeit mit Gigantosaurus, der in Südamerika jagte, sowie mit dem nordamerikanischen Acrocanthosaurus und mit T-Rex. Wegen dieser Verwandtschaft ist für Sereno klar, daß eine Verbindung der Landmassen viel länger existiert haben muß als bisher angenommen: „Nach der Aufspaltung von Pangäa vor 130 Millionen Jahren gab es noch viele Millionen Jahre lang Landzungen, die Wanderungen und somit eine Durchmischung der Tiere ermöglichten und die Ausbildung einer nur auf die Südhemisphäre beschränkte Dinosauriergesellschaft verhinderten.“

Daß sich Sereno einmal mit soviel Tatendrang und Sachverstand für naturwissenschaftliche Zusammenhänge begeistern würde, hätte in seiner Familie niemand für möglich gehalten. Seine Mutter, eine Lehrerin aus Italien, und sein Vater, ein Ingenieur aus Portugal, hatten alle Hände voll zu tun, Wirbelwind Paul auf den rechten Weg zu bringen. Mit acht Jahren konnte er die Uhrzeit nicht sagen, mit zwölf nicht lesen und mit 14 wäre er fast von der Schule geflogen. Als Sereno – 17jährig – im Kunstunterricht ein Stilleben zu Papier bringen sollte, wendete sich das Blatt. „ Wir mußten ein Arrangement von Weinflaschen und Trauben realistisch wiedergeben. Es gelang mir ziemlich gut, und ich erkannte erstmals, daß ich tatsächlich etwas Vernünftiges zustande bringen kann.“ Seine Liebe zur Kunst war geboren, und er begann ein entsprechendes Studium an der Northern Illinois University. Gleichzeitig schrieb er sich für Biologie ein und absolvierte dort 1979 sein Examen. Für Fossilien begeistert hat ihn sein Bruder Martin. „Wir machten einen Ausflug in das berühmte American Museum of Natural History in New York City. Marty konnte mir die gesamte Ausstellung erklären.“ Anschließend war Paul so vom Fossilien-Fieber infiziert, daß er 1980 ein Aufbaustudium in Geologie an der Columbia Universität in New York begann.

Schon damals und erst recht bei seiner anschließenden Promotion sorgte Sereno durch bedeutende Fossilienfunde in den entlegensten Teilen der Erde für Furore. So reiste er als erster amerikanischer Paläontologie-Student durch China, um Sammlungen zu studieren und Fossilien zu finden. Serenos Reiselust ist seither ungebrochen und scheint der Motor für seine vielen Entdeckungen – und die Erfolge – zu sein. Kein Wunder, daß ihn seine Kollegen mit dem Fossilien-Jäger Roy Chapman Andrews vergleichen, jenem legendären Forscher, der Anfang des Jahrhunderts durch die Wüste Gobi zog und als Vorlage für die Indiana-Jones-Filme diente. Auch Sereno scheint kein Weg zu weit, kein Ort zu unwirtlich. Inzwischen sind Serenos Expeditionen auch bei anderen begehrt. Viele möchten von dem berühmten Paläontologen lernen oder selber Dinosaurier finden. Daher mäkelt auch keiner seiner Expeditionsteilnehmer, daß sie für ihre Arbeit nicht entlohnt werden. „Ein Großteil meiner Expeditionen wird durch Fonds wie der National Geographic Society gefördert, oder von privaten Stiftern“, berichtet der Forscher. Das Geld reiche gerade für die Grundkosten wie Verpflegung und Transport, Gehälter seien nicht drin. Seine teuerste Expedition kostete 200000 Dollar: „Damit habe ich 18 Leute ein Vierteljahr lang durch die Wüste geführt und 25 Tonnen Fossilien mit nach Chicago gebracht.“

Werden die Mittel knapp, setzt sich Sereno auch sportlich für seine Projekte ein. Wie etwa im letzten Oktober, als er den Chicago-Marathon mitlief, und sich sein schweißtreibendes Engagement von Firmen und Gönnern sponsern ließ. Das Ergebnis dieser Mühen kann inzwischen am Navy Pier in Chicago bewundert werden. Mit dem Geld finanzierte Sereno eine einzigartige Ausstellung des 90 Millionen Jahre alten Pflanzenfressers Jobaria samt Jungtier. Sereno ließ es sich nicht nehmen, die künstlerische Präsentation des großen Sauriergerippes selbst zu übernehmen. Statt – wie sonst üblich – einen Dinosaurier auf allen vieren die Museumsbesucher begrüßen zu lassen, stellte er seinen Pfundskerl auf die Hinterbeine, der vier Meter lange Hals ragt s-förmig in die Höhe, die Vorderbeine sind nach oben gestreckt. Der Erlös der Ausstellung soll die finanzielle Grundlage für Serenos nächste Expedition bilden. Im Sommer will er mit seinem Team erneut in die Sahara. „Dort wartet noch ein Dinosaurier auf mich, den ich bei der letzten Tour aus Zeitmangel liegenlassen mußte.“

Désirée Karge / Paul Sereno

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