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Allgemein

Der Kranichmann

Ein spektakulärer Wiedereinbürgerungsversuch startet in wenigen Tagen in den USA: In einer Zuchtstation geborene Schreikraniche lernen mit Menschenhilfe den Zug in die Wintergebiete. Wenn der Versuch gelingt, ist dies auch das Verdienst eines deutschen Hobby-Vogelforschers.

Duvenstedter Brook im Norden von Hamburg, frühmorgens kurz nach Sonnenaufgang: Der feine Nieselregen hat eine Pause eingelegt, und Bernhard Weßling zieht sein Richtmikrofon wieder unter der Regenjacke hervor. Er schaltet den Minidisk-Rekorder ein und wartet auf Rufe aus der feuchten Wiese. Zu dieser frühen Stunde grenzen seine Lieblingstiere ihre Reviere ab .

Von Beruf ist Weßling Chemiker. Einen Namen gemacht hat er sich mit der Entwicklung von solch ungewöhnlichen Materialien wie organischen Metallen – Kunststoffen, die Strom leiten können. Weßling leitet ein mittelständisches Chemieunternehmen bei Hamburg und hat eine große Leidenschaft: das Leben und die Rufe der Kraniche. Als Quereinstei-ger hat der 50-Jährige geschafft, wovon viele Hobbyforscher träumen. Er spricht auf wissenschaftlichen Kongressen und nimmt an internationalen Projekten teil.

„Im Frühjahr 1982 fing es an“, berichtet er. „Meine Frau Cornelia und ich hörten auf einem Spaziergang durch den Brook zum ersten Mal diese trompetenartigen Laute.“ Damals konnte er noch nichts mit den Tönen anfangen, die bald dazu führten, dass seine Frau ihn immer seltener sah. Die Tiere, die da riefen, waren die sehr seltenen Graukraniche. Sie sollten Weßling von nun an nicht mehr loslassen. Mit anderen Vogelfreunden gründete er ein Naturschutzprojekt in der Bruchlandschaft des Brook. Während der Brutzeit wachten immer zwei von ihnen eine ganze Woche in den nassen Wäldern bei den Nestern, um Eierdiebe abzuschrecken oder auch nur, um Belästigungen zu verhindern.

Weßling wollte bald mehr über das Leben der Kraniche erfahren: Waren es immer dieselben Tiere, die ein Revier im Frühjahr übernahmen, und blieben die Pärchen zusammen? „Die sonst üblichen Beringungsaktionen kamen nicht in Frage. Es widerspricht meiner Auffassung von Naturschutz, die Kraniche zu jagen und zu fangen“, meint er, „da dabei Tiere verletzt oder getötet werden können.“

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Auf die entscheidende Idee brachte ihn Dr. Eberhard Henne, der Leiter des Biosphärenreservats Schorfheide in Brandenburg, dem größten Kranichbrutgebiet in Deutschland. Henne experimentierte schon länger mit Tonaufnahmen der Tiere. Weßlings Theorie: Wenn es gelänge, die Töne in so genannten Sonogrammen sichtbar zu machen und sehr hoch aufzulösen, müsste man daraus individuelle akustische „Fingerabdrücke“ berechnen können.

Weßling fand damals aber kein Computerprogramm, das zu dieser komplexen Aufgabe in der Lage war. Weßling: „Bei Kranichen ist es besonders schwierig, da bei dem wichtigen Duettruf, mit dem die Tiere ihr Revier abgrenzen, beide Partner rufen und dann die Nachbarn oft noch einstimmen.“ Am Anfang experimentierte er mit einem Programm, mit dem Tontechniker Musikaufnahmen analysieren. Es lieferte zwar eine bildliche Darstellung der Laute, aber keinen unverwechselbaren „Fingerabdruck“. Schließlich arbeitete er sich in das mathematische Fachprogramm „Matematica“ ein. „Ein ordentlicher Brocken“, wie Weßling meint. Sein Ziel: Die Laute mit Hilfe so genannter Fourier-Transformationen zu analysieren.

Unterstützung fand der Chemiker schließlich bei dem Schulungsleiter, der die Gruppe zukünftiger Programmbenutzer einwies. „Der wurde neugierig, weil er da jemanden in seinem Kurs hatte, der dauernd ganz konkrete und ungewöhnliche Fragen stellte“ , berichtet Weßling. Mit dieser fachlichen Unterstützung gelang es ihm, im Computer hochaufgelöste Sonogramme zu erstellen und auszuwerten – und Weßling entdeckte, dass seine Ausgangsthese richtig war: Jeder Kranich hat seine individuelle Stimme. „Mit Aufnahmegerät und Computer kann man damit einzelne Vögel immer wieder erkennen und sie über ein ganzes Leben verfolgen, ohne sie gefangen und beringt, sogar ohne sie berührt zu haben“, sagt Weßling.

Er hörte Kranichen in vielen Ländern der Welt zu und fand heraus, dass es mehr Laute gibt, als die Forscher bisher dachten. Weßling hat inzwischen 10 eindeutig bestimmt, aber er vermutet, dass es etwa 30 verschiedene gibt. „Außer dem Duettruf und dem Wächterruf, der allgemein ,Achtung‘ bedeutet, gibt es auch ,Achtung Seeadler‘, bei einer Gefahr von oben oder einen Ruf mit der Botschaft ,Da kommt etwas am Boden, ist aber nicht gefährlich‘ , wenn zum Beispiel ein Reh auftaucht“, berichtet Weßling über seine Beobachtungen an japanischen Mandschurenkranichen. „Beim Seeadler-Ruf blicken alle aufgeregt nach oben, beim Reh-Ruf schauen sie interessiert zu dem Ankömmling.“

Auch ein überraschendes Ergebnis über das Verhalten hat Weßlings Arbeit gebracht. Laut Lehrbuchmeinung sind sich Kraniche ein Leben lang treu. „Das scheint aber nicht zu stimmen“, meint Weßling. „Nach meinen Untersuchungen wechseln etwa 15 Prozent der Tiere jährlich den Partner.“

Manche Kraniche tun dies scheinbar ganz bewusst und offenbaren dabei so etwas wie eine Lebensplanung. In seinem Buch „ Kranichgedanken“ berichtet Weßling von einem „Ehedrama“ unter Mandschurenkranichen, das auch den Plot für einen französischen Krimi geben könnte: 1995 tauchte eine junge, noch nicht ganz geschlechtsreife Henne auf. Sie bandelte mit dem Besitzer eines gut gelegenen und damit wertvollen Brutreviers an, und es gelang ihr, dessen Weibchen zu vertreiben. „Die beiden verbrachten einige aufregende Wochen miteinander, die aber folgenlos blieben, da die Henne noch zu jung zum Eierlegen war“, berichtet Weßling.

Das dicke Ende kam einige Monate später für den alternden Liebhaber. Seine „Lolita“ vertrieb ihn aus dem Revier. Natürlich versuchte er, sein kostbares Revier und seine attraktive Partnerin zu behalten, aber sie war so erbarmungslos, dass er schließlich aufgab. Kurze Zeit darauf tauchte ein junger Hahn auf und suchte einträchtig mit der jungen Henne in ihrem Gebiet nach Futter. Die Auswertung der Beobachtungsprotokolle ergab: Die beiden waren schon als Jungtiere sehr oft zusammen gewesen. Wahrscheinlich hatten sie das ganze Unternehmen zwar nicht geplant, aber immerhin hatten sie so trickreich ein Revier bekommen, das sie auf „faire“ Weise nie von einem erfahrenen, vereinten Pärchen hätten erobern können. Seit Weßling die Tiere als Individuen erkennen und beobachten kann, hat sich seine Einstellung zu ihnen geändert. „Es sind nicht die Reflex-Antwort-Maschinen, wie man es uns in der Schule beigebracht hat, sondern Charaktere, Persönlichkeiten mit eigenen Ideen, die auch schwierige Probleme lösen können.“

Weßling arbeitet heute an mehreren Projekten mit, bei denen Kraniche identifiziert, gezählt und ihre Beziehungen untereinander über ihr ganzes Leben verfolgt werden: im Brook bei Hamburg, in Mecklenburg und in der Schorfheide sowie in Korea, China und den USA.

Auf einem Kongress in Stralsund lernte Weßling den Gründer der internationalen Kranich-Organisation ICF George Archibald kennen. „Ich habe Bernhards Vortrag über Intelligenz bei Kranichen gehört und war so begeistert, dass ich ihn aufgefordert habe, solche Studien auch mit amerikanischen und sibirischen Kranichen zu machen“, erinnert sich Archibald. Weßling: „Trotz aller Begeisterung Archibalds über meine Methoden hat es mich aber noch viel Überzeugungsarbeit gekostet, bis ich endlich auch Ton-Aufnahmen der extrem seltenen Schreikraniche aufzeichnen durfte. Die amerikanischen Naturschützer hatten Angst, dass ich die vom Aussterben bedrohten Tiere zu sehr stören würde.“ Es gibt davon nur noch 174 wild lebende Exemplare.

„Weßling hat eine grandiose Arbeit geleistet. Er hat nicht nur die Laute der Schreikraniche dokumentiert, sondern auch noch ein wichtiges Problem bei der Auswilderung von Tieren gelöst, die in Gefangenschaft aufgezogen wurden“, berichtet Archibald. „Nämlich: Wie bringt man ihnen den überlebenswichtigen Winterzug bei, den sie normalerweise von ihren Eltern lernen?“ Die amerikanischen Naturschützer wollten die Jungtiere auf ein Ultraleichtflugzeug als „Leittier“ prägen. Es sollte sie von Wisconsin im Norden der USA nach Florida in ein geeignetes Winterquartier führen.

Aber wie prägt man die jungen Vögel auf ein Flugzeug? Zunächst imitierten die Mitarbeiter des Auswilderungsprojekts mit ihren Lippen die Kontaktlaute der Tiere. Für Menschen klang das wohl ähnlich, die Kraniche fanden es aber nicht so überzeugend. Statt auf das Geräusch oder das Flugzeug wurden sie auf den Kopf des Pflegers geprägt – und blieben selber stumm.

Nachdem Weßling seine Aufnahmen unter wilden Schreikranichen gemacht hatte, spielten die Vogelschützer diese Töne über Lautsprecher am Flugzeug ab. Mit Erfolg: Die Jungtiere lernten die Laute schnell und akzeptierten den Flieger als Leittier.

Fast nebenbei löste Weßling auch gleich noch ein technisches Problem. „Er baute ein computergesteuertes Tonsystem für das Flugzeug“, berichtet Archibald. „Der Pilot muss jetzt nur Knöpfe drücken, um einen bestimmten Ruf erklingen zu lassen, und nicht mehr auf dem Abspielgerät nach den passenden Tönen suchen.“

Letztes Jahr war dann der Testlauf mit in Gefangenschaft aufgezogenen Kanadakranichen. Diese Tiere sind nicht vom Aussterben bedroht und wurden darum als Testkandidaten gewählt. Die Jungvögel waren mit Weßlings Tonaufnahmen geprägt worden und folgten den Tönen des Flugzeugs bis in ihr Winterquartier. Dort mischten sie sich unter ihre wilden Artgenossen. Alle kehrten dieses Frühjahr nach Norden in die Brutgebiete zurück.

Ein hundertprozentiger Erfolg – urteilte auch die US-Regierung. Sie gab die Genehmigung, die in Gefangenschaft aufgezogenen Schreikraniche auszuwildern. Ende Oktober werden sie starten. Bernhard Weßling hat schon das Flugticket gekauft, um die letzten Vorbereitungen zum ersten großen Flug seiner „ Sprachschüler“ miterleben zu können.

Kompakt

• Name: Bernhard Weßling

• Geburt: 15. 12. 1951 in Herne/Westfalen

• Beruf: Polymer-Chemiker

• Leidenschaft: Leben und Laute der Kraniche

• Erkenntnis: Kraniche sind keine Reflex-Maschinen, sondern Individuen mit eigenen „Ideen“

Thomas Willke

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