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Die Psychologie des Märchens

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Das Märchen vom Aschenputtel - hier dargestellt in einer Zeichnung von Adrian Ludwig Richter - gehört nicht nur zum Kulturgut, sondern spiegelt auch die Grundkonflikte wider, mit denen Kinder aufwachsen. Grafik: gemeinfrei
Ruben mag Märchen. Vor allem die Geschichte vom Froschkönig hat es dem Zehnjährigen angetan: Wenn er sie erzählt, drückt er ihr seinen ganz persönlichen Stempel auf. Bei ihm ist zum Beispiel der Wald, in den die Prinzessin so gerne geht, dunkel und bedrohlich. Und er beschreibt ausführlich die Verzweiflung, die die Königstochter fühlt, als ihr ihre goldene Kugel in den Brunnen fällt. Schließlich lehnt sie auch noch die Hilfe des Frosches, anders als im Original, wütend ab.

Rubens Erzählweise und seine Vorliebe für den Froschkönig sind kein Zufall, berichtet das Magazin „bild der wissenschaft“ in seiner Juli-Ausgabe. Die italienische Psychologin Verena Bertignoll hat nämlich gezeigt: Welches Märchen ein Kind mag und was es beim Erzählen hervorhebt, weglässt oder verändert, verrät vieles über seine inneren und äußeren Konflikte, über seine Ängste, Befürchtungen, Aggressionen und Wünsche.

In Rubens Fall etwa gibt es eine starke Ähnlichkeit zwischen seiner Darstellung der Königstochter und ihm selbst. Beide haben niemanden zum Spielen – laut seiner Mutter hat Ruben keine Freunde –, und die Welt außerhalb der gewohnten Umgebung erschreckt sie. Und auch Ruben reagiert wütend, wenn er verletzt oder traurig ist oder sich unfair behandelt fühlt. „Das Lieblingsmärchen hat diagnostischen Wert. Märchen bieten Bilder, die das zum Ausdruck bringen, was das Kind gerade beschäftigt, und gleichzeitig eine Projektionsfläche, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen“, erläutert Bertignoll.

Den Zusammenhang erstmals postuliert hatte der Psychoanalytiker Hans Dieckmann in den 1960er Jahren. Er glaubte, viele Menschen trügen ein Lieblingsmärchen in sich, das die Entwicklungskonflikte der Kindheit spiegelt. Tatsächlich überprüft wurde diese These jedoch erst vor kurzem, als sich die Kinderpsychologin Bertignoll des Themas in einer kleinen qualitativen Studie annahm: Sie ließ neun Kinder im Alter zwischen sechs und zehn Jahren vor einer Kamera ihr Lieblingsmärchen erzählen und fand tatsächlich viele Überlagerungen von Persönlichkeit und Märcheninhalt.

So mögen Kinder mit einem ähnlich gelagerten Charakter nicht selten auch die gleichen Märchen. Zwei von Bertignolls kleinen Probanden etwa bevorzugten „Der Wolf und die sieben Geißlein“. Sie identifizierten sich besonders mit dem jüngsten Ziegenkind, demjenigen, das im Gegensatz zu seinen Geschwistern nicht vom Wolf gefressen wird, weil es sich im Uhrenkasten versteckt, während seine Mutter nicht da ist. Auch die beiden Kinder waren schüchtern, die jeweils jüngsten in ihrer Familie und hatten Angst, dass ihre Mutter sie verlassen könnte, entdeckte Bertignoll bei ihrer Analyse.

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Wird eine solche Angst mit Hilfe der Märchen aufgedeckt, kann man sie frühzeitig bekämpfen. „Therapeutisch geht es darum, das Gefühl des Verlassenwerdens zu erleben und dadurch zu erkennen, dass es sich überwinden lässt“, erklärt die Psychologin. Geschieht das nicht, kann das böse Folgen haben: Der völlig normale Entwicklungskonflikt wächst sich möglicherweise zu einer Entwicklungsstörung oder gar einer Neurose aus. Neurotische Erwachsene haben zwar, so „bild der wissenschaft“, vielleicht unbewusst ihren Konflikt auf eine Märchenfigur übertragen, ihn aber nicht bewältigt, sondern nur die Verhaltensweisen der Figur übernommen – sie verstecken sich sozusagen im Uhrenkasten. Schafft man es dann nicht, das Spiegelbild des Konflikts im Märchen zu identifizieren, bleibt auch der Konflikt unerkannt. Umgekehrt gilt: Findet man das Spiegelbild, findet man auch das Problem.

Märchen haben jedoch auch noch eine andere wichtige Funktion: Sie schaffen für Kinder häufig die ersten Berührungspunkte mit fundamentalen Wahrheiten und Problemen wie Angst, Aggression und Tod. Bertignoll findet daher ebenso wie Psychanalytiker Dieckmann an der so häufig kritisierten Brutalität der Märchen nicht nur Negatives. Zudem lassen Märchen im Gegensatz zu vielen modernen Erzählungen Interpretationsraum und bieten Projektionsflächen, da vieles ausgesprochen knapp und offen formuliert ist. So redet Schneewittchen zum Beispiel nicht darüber, wie sie sich fühlt, als die Stiefmutter versucht, sie zu töten. Es bleibt jedem Kind selbst überlassen, die entsprechenden Gefühle zu entwickeln – und damit auch die eigenen Konflikte neu zu erleben.

ddp/wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel
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