Eisiges Paradies - wissenschaft.de
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Eisiges Paradies

Süd-Georgien liegt in der Nähe der Antarktis und ist etwa so groß wie Mallorca. Die Insel besitzt einen einzigartigen Reichtum an Pinguinen, Robben und Seevögeln. Inzwischen hat der Tourismus dort Fuß gefasst. Verkraftet das die fragile Natur?

Wie ein gigantischer Wasserfall donnern die Eismassen über die Küste der Insel Süd-Georgien in die Tiefe. Kaum zwei Kilometer weiter marschieren Königspinguine unbeirrt vom Lärm dieses Naturschauspiels in die Brandung. See-Elefanten – ein paar Meter vom Wasser entfernt – grunzen zufrieden in der Morgensonne. Eng drücken sich ein Dutzend mehrere Tonnen schwere Leiber aneinander und verströmen ihren Gestank. Im hohen Tussock-Gras dahinter brüllt ein Seebär einen Rivalen an. Daneben wärmen Eselspinguine in einer großen Kolonie ihre eben geschlüpften Jungen. Den Abbruch der Eismassen vom Gletscher erleben die Tiere einige Male am Tag und erschrecken nicht mehr, wenn es plötzlich donnert.

Doch die paar Dutzend Menschen am Strand horchen auf und starren für einen Moment hinüber zu dem mächtigen Eisfall. Dann werden Kameras ans Auge gerissen und Auslöser betätigt. Die Menschen sind Touristen und erkunden mit dem Expeditionsschiff „ Polar Star“ die antarktische Region. Natürlich will man den spektakulären Gletscherabbruch im Bild fest halten. Doch bald wird die Optik wieder auf nähere Objekte fokussiert – Pinguine und See-Elefanten können offenbar nicht oft genug abgelichtet werden. Die Tiere spielen mit, zeigen wenig Scheu, schnuppern bisweilen sogar an den Gummistiefeln.

Da die Gewässer vor der Küste Süd-Georgiens nur so wimmeln von Kleinkrebsen (dem Krill), Fischen und Tintenfischen, ernährt das Meer in dieser Region Tausende von See-Elefanten, Zigtausende von Seebären und Millionen von Pinguinen. Verursacht wird dieser Reichtum durch die rund 1500 Kilometer entfernte Antarktis. An deren Küste dringt Wasser vom Meeresboden auf und schafft damit auch jene Nährstoffe nach oben, die von abgestorbenen Meerestieren und -pflanzen stammen. Das kalte Wasser strömt äquatorwärts und trifft zwischen dem 50. und 60. Grad südlicher Breite auf drei bis vier Grad wärmeres Wasser, das vom Äquator kommt und aufgrund der relativen Wärme eine geringere Dichte hat. In dieser Konvergenz taucht das kalte, nährstoffreiche Oberflächenwasser langsam in die Tiefe ab und versorgt den Krill und die Fische, die ihrerseits wieder Pinguinen, Robben und Walen als Futter dienen. Um ihren Nachwuchs aufzuziehen, müssen Pinguine und Robben an Land gehen. Südlich der antarktischen Konvergenz bietet vor allem Süd-Georgien eine relativ lange, weitgehend eisfreie Küste, die nicht nur Pinguine und Robben für ihre Fortpflanzung nutzen, sondern auch viele Albatross-Arten, die auf der von Menschen unbewohnten Insel brüten.

1775 nahm James Cook das „unbekannte Südland“ für die britische Krone in Besitz und benannte es nach dem damaligen König Georg III. Begeistert von der Insel war Cook nicht, „wo weder ein Baum zu sehen noch ein Busch hoch genug war, um daraus einen Zahnstocher zu machen“. Auch heute gibt es hier nur Flechten, Moose, das meterhohe Tussock-Gras, Seggen, Binsen und Farne. Bäume und Büsche kommen mit dem rauen Klima nicht zurecht, das es selbst im Sommer selten auf Temperaturen von über sieben Grad Celsius bringt. Im Winter ist es dagegen gar nicht so kalt: Null bis minus zwei Grad mit allerdings bis zu zwei Metern Schnee.

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Bald nach James Cook kamen Tierjäger: Bereits um 1820 gab es fast keine Pelzrobben mehr auf Süd-Georgien. Auch See-Elefanten wurde heftig nachgestellt, da sich aus deren Speckschicht Öl für Straßenlaternen gewinnen ließ. Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf der Nordhalbkugel die Wale fast ausgerottet waren, entdeckten die Schiffsbesatzungen Süd-Georgien und wenig später die Antarktis als lukrative Reviere. 1904 gingen die ersten Walfänger im Nordosten der Insel an Land. Die Stelle nannten sie Grytviken (zu Deutsch: Topfbucht), weil dort die Kessel der Robbenschlächter von einst vor sich hin rosteten. Noch im gleichen Jahr dampfte das erste Schiff mit 165 Tonnen Waltran nach Buenos Aires ab. Eine hohe Rendite ließ Grytviken wachsen. Kühlhäuser, eine Bäckerei, Schweineställe und ein Kino entstanden, sogar eine Kirche wurde 1913 aus Norwegen herbeigeschafft. Im antarktischen Sommer arbeiteten bis zu 500 Männer in der dortigen Walfabrik. Bis 1965, als die Walfangstation endgültig aufgegeben wurde, hatte sie 54100 Wale zu 458000 Tonnen Öl sowie zu 200000 Tonnen Walfleisch und Knochenmehl verarbeitet. So „nebenbei“ wurden jedes Jahr noch 5000 Robben erlegt. In den Buchten weiter im Norden entstanden ähnliche Siedlungen.

Der Walbestand war schließlich nahezu vernichtet. Bis heute hat er sich nicht von der Schlächterei erholt. Niemand weiß, wie viele der bis zu 30 Meter langen Blauwale noch in den Ozeanen um die Antarktis schwimmen. Optimistische Experten vermuten 14000 Individuen, Pessimisten schätzen den Bestand auf noch 1000 Tiere. Um die anderen Walarten steht es nicht viel besser.

Ironie des Schicksals: Die Tragödie der Wale verbesserte die Lebensbedingungen der Pinguine. Denn beide Tiergruppen ernähren sich ähnlich. Zügel- und Königspinguine vermehrten sich gewaltig: Um 1930 zählte man weniger als 3000 Brutpaare der Königspinguine auf Süd-Georgien, heute ziehen mehr als 200000 Paare ihren Nachwuchs auf. Am meisten profitieren offenbar Seebären vom Niedergang der Wale. Von den Robbenschlächtern fast ausgerottet, gab es 1932 – laut Brockhaus – noch acht Jungtiere auf der Insel. Heute dagegen leben dort einige 10000 der bis zu 200 Kilogramm schweren Raubtiere.

Mit den Schiffen der Robbenschlächter kamen auch Ratten auf die Insel, die sich seither vor allem an der Nordküste breit machen. Die großen Pinguine und Albatrosse haben mit den Eindringlingen wenig Probleme. Doch kleinere Vögel wie die Antarktis-Seeschwalbe und der Südgeorgien-Pieper verlieren oft ihre Gelege an die Nagetiere.

Robbenschlächter und Walfänger haben einige Tierarten auf Süd-Georgien an den Rand des Aussterbens gebracht. Könnten sich solche Tragödien wiederholen, wenn immer mehr Touristen das Paradies in antarktischen Gewässern entdecken und den Tieren das Territorium streitig machen? In der Saison 2001/2002 landeten 2385 Passagiere auf Süd-Georgien an. Dass die Antarktis-Reiseveranstalter Geld in einem sehr empfindlichen Ökosystem verdienen, ist den meisten von ihnen bewusst. 1991 gründeten sie die „International Association of Antarctica Tour Operators“ – kurz IAATO – und erarbeiteten Leitlinien für einen nachhaltigen Tourismus in den antarktischen Gewässern. In diesen Leitlinien bestimmten die Reiseveranstalter etwa

• welche Buchten überhaupt angelaufen werden dürfen,

• dass an einer Landestelle niemals zwei Schiffe gleichzeitig ankern dürfen,

• dass nicht mehr als 100 Passagiere gleichzeitig an Land dürfen,

• dass vor und nach einem Landgang Stiefel und Hosen abgespritzt werden müssen, um Krankheitserreger nicht von einer Landungsstelle zur anderen zu tragen,

• dass speziell ausgebildete Naturführer das Einhalten genauer Verhaltensregeln überwachen. So soll sich niemand Pinguinen oder See-Elefanten auf mehr als fünf Meter nähern.

Diese eher aus dem Bauch definierten Abstandsregeln führten unter Wissenschaftlern zu Streit. Boris Culik und Rory Wilson vom Kieler Institut für Meereskunde analysierten zum Beispiel 1990 die Frequenz des Herzschlags von Adélie-Pinguinen: Sobald sich ein Mensch aus einer Entfernung von 50 Metern bis auf 4 Meter näherte, beschleunigte sich die Frequenz von 76 auf 135 Herzschläge deutlich. Allerdings zweifelten Amanda Nimon, Robert Schroter und Bernard Stonehouse vom Scott-Polar-Forschungsinstitut in Cambridge diesen Befund im Wissenschaftsmagazin „nature“ 1995 an. Schließlich hätten die Kieler Forscher den Pinguinen schon beim Fangen einen solchen Schrecken eingejagt, dass ihr Herzschlag auf 287 schnellte. Für physiologische Experimente im Schwimmkanal hatten Boris Culik und Rory Wilson vier Pinguinen ein EKG-Messgerät samt Sender umgehängt oder ihnen gar ein Herzschlagmessgerät implantiert. Wenn die Pinguine nach so rabiater Behandlung auch bei späteren Freilandversuchen Fracksausen bekommen hätten, sobald sich ein Mensch näherte, wäre das kaum verwunderlich, meinen die Briten. Sie selbst schmuggelten den Pinguinen ein künstliches Ei ins Nest, das per Infrarot-Detektor den Herzschlag der Tiere misst, solange das Ei direkten Kontakt mit der Haut hat. Auch diese Methode liefere keine zuverlässigen Ergebnisse, kontern die Kieler Forscher: Denn immer dann, wenn die Pinguine am stärksten erschrecken und sich aufrichten, um nach einer Gefahr zu schauen, gehe der Kontakt zum Ei verloren, und es gäbe keine Messergebnisse. Im Prinzip aber sind sich beide Gruppen einig: Solange der herannahende Mensch nicht krakelt oder randaliert, bleiben die Tiere gelassen. Selbst wenn ein Besucher nur einen Meter neben dem Nest steht, regen sich die Pinguine nur wenige Sekunden lang auf und beruhigen sich dann wieder – auch wenn der Mensch noch immer aus nächster Nähe auf das Ei unter ihrem Bauch starrt.

Simone Pfeiffer und Hans-Ulrich Peter von der Universität Jena haben zwischen 1999 und 2001 die Herzschlagrate von Riesensturmvögeln mit einem Mikrofon gemessen, das in einem künstlichen Ei versteckt war. Ergebnis: Wenn sich ein Mensch näher als 20 Meter an die Nester heranwagt, steigt der Herzschlag der Vögel deutlich und signalisiert Stress. Genau diesen Mindestabstand zu Riesensturmvögeln schreiben die IAATO-Richtlinien vor.

Christina Büßer und weitere Kollegen von der gleichen Arbeitsgruppe für Polar- und Ornitho-Ökologie der Universität Jena haben weitere Einflüsse auf das Ökosystem untersucht. So nimmt die Zahl der Zügelpinguine auf der unmittelbar vor King George Island gelegenen kleinen Insel Ardley kontinuierlich ab, seit 1980 unweit der Kolonie eine Landebahn gebaut wurde, die zur Versorgung der Stationen in dieser Region häufig angeflogen wird. Auch die Riesensturmvögel wandern in die ruhigere Nachbarschaft ab, während Braune Skuas manchmal sogar von der menschlichen Siedlung profitieren und Essensabfälle an Küken verfüttern.

Boris Culik und Rory Wilson aus Kiel hatten 1990 in der Nähe der amerikanischen Antarktisstation Palmer das Fluchtverhalten von Adélie-Pinguinen unter die Lupe genommen. Eines ihrer Ergebnisse: Je tiefer ein Flugzeug oder ein Helikopter über eine Kolonie fliegt und je größer die Maschine ist, um so eher fliehen die Vögel. Christina Büßer fasst die Beobachtungen zusammen: „ Eine über die Kolonie fliegende Skua ist nicht nur viel gefährlicher für Eier und Küken als fotografierende Touristen, die Raubmöwe regt die Pinguine auch erheblich mehr auf.“ Donna Patterson und Bill Fraser von der Montana State University zeigten 1997 auf den Inseln Torgersen und Anvers in der Nähe der amerikanischen Palmer-Station überdies, dass Witterungseinflüsse die Vogelzahlen nachweislich mehr beeinflussen als Touristenströme: Auf Anvers Island bekamen die Adélie-Pinguine Schwierigkeiten mit kräftigen Schneefällen, die ihre auf einem Südhang gelegenen Kolonien einhüllten. Die Zahl der Brutpaare nahm dort ab, ohne dass je ein Tourist an Land gegangen wäre. Auf Torgersen Island dagegen schmilzt die Sommersonne den Schnee in den nach Norden ausgerichteten Pinguin-Kolonien schnell wieder weg. Die Zahl der Brutpaare bleibt dort gleich, auch wenn regelmäßig Expeditionsschiffe Touristen an Land lassen.

Solche Ergebnisse stützen die Aussage der IAATO-Chefin Denise Landau: Bisher gelingt es den Tourismusunternehmen im antarktischen Raum, die Anliegen der Natur und die Interessen der Urlaubsreisenden unter einen Hut zu bringen.

Doch was geschähe, wenn Massentourismus einsetzen würde? Landau zögert, diese Frage zu beantworten – und meint dann, dass dies nicht zu befürchten sei. Einmal sei der hohe Preis, um in die Antarktis zu gelangen, eine große Hemmschwelle. Vor allem aber halte das Wetterrisiko die Touristenzahlen auf niedrigem Niveau.

Der kanadische Biologe Dennis Mense, seit vielen Jahren als Expeditionsleiter auf unterschiedlichen Touristikschiffen unterwegs, erinnert sich noch mit Grausen an seine erste Fahrt nach Süd-Georgien im Jahr 1987. Zwar landete das Schiff wie geplant bei der britischen Verwaltung in Grytviken an. Doch die heftigen Stürme und hohen Wellen machten jeden Landungsversuch mit den Zodiac-Schlauchbooten zum unkalkulierbaren Risiko. Von sieben weiteren geplanten Landungen fand nicht eine statt. Süd-Georgien liegt eben in einer der stürmischsten Regionen der Weltmeere.

KOMPAKT

• Nur ein gutes Dutzend Menschen leben auf Süd-Georgien, dafür aber Millionen von Pinguinen, Robben und See-Elefanten.

• In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Insel ein wichtiger Umschlagplatz des Walfangs.

• Neuerdings machen immer häufiger Expeditionsschiffe vor Süd-Georgien halt, die Touristen an Bord haben.

• Erste wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Natur mit der bisherigen Form des Tourismus fertig wird.

Dr. Roland Knauer

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