Wasserflöhe reinigen den Bodensee - wissenschaft.de
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Wasserflöhe reinigen den Bodensee

Forscher haben ein neues Beispiel dafür entdeckt, daß die Natur manche vom Menschen verursachten Schäden reparieren kann.

Genau 37 Jahre lang lagerten die Wasserfloh-Eier in den Tiefen des Bodensees. Nachdem Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Limnologie in Plön und der amerikanischen Cornell University sie jetzt im Labor zu erwachsenen Krebstierchen heranreifen ließen, steht fest: Organismen reagieren auf schädliche Umweltveränderungen mit enormer Geschwindigkeit und bringen damit marode Ökosysteme wieder ins Lot. Seit 30 Jahren breiten sich im Bodensee Blaualgen aus. Dabei verdrängen sie andere Algenarten, die Wasserflöhen als Nahrung dienen. Der Grund für die massive Vermehrung: Phosphate aus Landwirtschaft, Industrie und Haushalten überdüngen das Wasser. Blaualgen produzieren den Giftstoff Hepatoxin. Das Forscherteam aus Deutschland und den USA fütterte die im Labor aufgewachsenen Wasserflöhe (Daphnien) mit den toxischen Mikroorganismen. Der Glücksfall für die Wissenschaftler: Daphnien legen immer wieder „ruhende“ Eier, die in den Sedimenten des Sees ungereift lagern. Diese Eier spiegeln – je nach Alter – die genetische Entwicklung der Tiere im Zeitraffer wider. Während jene Wasserflöhe, die aus 37jährigen Eiern schlüpften und somit aus der Ära vor der Belastung des Sees entstanden waren, die giftige Mahlzeit nicht vertrugen, waren Tiere aus Eiern jüngeren Datums in der Lage, die Mikroorganismen zu verzehren.

Offensichtlich, so die Wissenschaftler, haben die vom Hungertod bedrohten Daphnien-Populationen durch eine „schnelle Evolution“ reagiert. Zufällige Veränderungen im Erbgut brachten Wasserflöhe hervor, die die Blaualgen verdauen konnten. In der Folgezeit vermehrten sich diese Mutanten. Nach Ansicht der Wissenschaftler führt die schnelle Evolution der Daphnien letztlich zur Wiederherstellung des Gleichgewichts im Ökosystem: Je mehr veränderte Wasserflöhe im See leben, desto weniger Blaualgen bleiben übrig.

Erstaunlich sind die Ergebnisse vor allem aus ernährungsphysiologischer Sicht. Denn der Verzehr von Blaualgen bringt den Daphnia-Winzlingen eher einen Nachteil – die toxischen Mikroorganismen weisen einen wesentlich geringeren Nährwert auf als ihre nicht-giftigen Pendants. Der Sinn der schnellen Evolution scheint klar: Die bedrohte Population verdrängt die wenig nahrhaften, einst schädlichen Futterquellen wieder aus dem See.

Vlad Georgescu

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