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Wirklichkeit und Information sind untrennbar

Anton Zeilinger geboren 1945, wurde durch das 1997 erstmals gelungene „Beamen“ von Lichtteilchen weltbekannt. Der Professor am Institut für Experimentalphysik der Universität Wien erforscht auch die theoretischen Grundlagen der Quantenphysik, erhielt zahlreiche Preise und hat vor kurzem ein allgemein verständliches Buch über Quantenphänomene veröffentlicht: „ Einsteins Schleier. Die neue Welt der Quantenphysik“.

bild der wissenschaft: Sie können Teilchen über weite Entfernungen beamen, machen bereits Quantenexperimente mit Molekülen aus 70 Kohlenstoff-Atomen und planen dies nun auch mit Viren. Lauern da nicht neue Gefahren – dass Geheimdienste oder Terroristen beispielsweise hochinfektiöse Viren über große Entfernungen zu ihren Opfern beamen?

ZEILINGER: Bei der Teleportation wird nicht Materie übertragen, sondern Information. In den bisherigen Experimenten gelang dies nur mit Photonen, den Teilchen des Lichts. Wie lange es dauern wird, bis das mit größeren Objekten geht, ist offen. Auch wenn man Quantenexperimente schon mit sehr großen Molekülen gemacht hat, ist es noch ein weiter Weg, bis es gelingen wird, diese Moleküle auch zu verschränken. Allerdings: Obwohl nur Information übertragen wird, kann man doch von einer Teleportation des Originals sprechen. Das teleportierte Teilchen ist nämlich in keiner Weise vom Original unterscheidbar, und das Original verliert notwendigerweise bei dieser Prozedur seine individuellen Eigenschaften.

bdw: In Ihrem neuen Buch „Einsteins Schleier“ schreiben Sie „ Information ist der Urstoff des Universums“ und „Wirklichkeit und Information sind dasselbe“. Existiert Information für Sie unabhängig von Materie und Energie, und sind diese womöglich auf Information reduzierbar?

ZEILINGER: Für mich sind Wirklichkeit und Information untrennbar wie die zwei Seiten ein und derselben Medaille. Letztlich wird es eines Tages möglich sein, die gesamte Physik, ja sogar alle Naturwissenschaften, in der Sprache der Information auszudrücken.

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bdw: Führt die Interpretation der Quantenphysik – zumindest in der Tradition von Niels Bohr, in der Sie ja auch stehen, nicht zu einem Subjektivismus, wonach letztlich alles abhängig vom Bewusstsein ist?

ZEILINGER: Der Beobachter hat in der Quantenphysik einen viel größeren Einfluss als zuvor, jedoch keinen unbegrenzten. Das Einzelereignis ist rein zufällig und entzieht sich damit der Beeinflussung durch das Bewusstsein.

bdw: Wenn Information notwendig auf Beobachter und Subjekt bezogen ist, warum kommen dann Physiker doch zu objektiven Ergebnissen? Die Quantenphysik ist doch nicht willkürlich?

ZEILINGER: Information ist nicht nur rein subjektiv. Sie ist zwar die Information, die jemand besitzt, aber sie ist gleichzeitig auch Information über etwas – eben über die Wirklichkeit.

bdw: Niels Bohr sagte einmal, wer von der Quantenphysik nicht schockiert sei, der habe sie nicht verstanden. Und Richard Feynman meinte gar, niemand würde die Quantenphysik verstehen. Mit Ihren raffinierten Experimenten sind Sie tiefer in die bizarre Quantenwelt eingetaucht als die meisten Menschen. Stehen Sie nun unter Dauerschock, oder wird alles immer rätselhafter?

ZEILINGER: Das Problem, das Bohr und Feynman ansprechen, ist, dass die Quantenphysik zwar unglaublich exakt in Experimenten bestätigt wird und auch von sehr großer mathematischer Schönheit ist, aber dass es an einem allgemein einsichtigen Grundprinzip mangelt, aus dem die Theorie folgt. Solche Grundprinzipien gibt es etwa in der Speziellen und Allgemeinen Relativitätstheorie. Ich denke, dass das Problem ein noch immer existierender einseitiger Realismus ist und hoffe, dass die Aufgabe der Trennung zwischen Wirklichkeit und Information ein Schritt in die richtige Richtung ist.

Rüdiger Vaas

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