Hilfreiche Nasen-Mikroben entdeckt - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Gesundheit+Medizin

Hilfreiche Nasen-Mikroben entdeckt

Elektronenmikroskopische Aufnahme von nasalen Laktobazillen. Die Pfeile markieren Fimbrien, die es den Bakterien ermöglichen, an der Zelloberfläche unserer Nase zu haften. (Bild: De Boeck et al. / Cell Reports)

Unser Körper ist die Heimat vieler nützlicher Mikroben – zu ihren Lebensräumen gehört auch die Nase, zeigt nun eine Studie: Forscher haben spezialisierte Bakterien entdeckt, die auf gesunden Nasenschleimhäuten zahlreich vorkommen, bei Menschen mit häufigen Entzündungen hingegen selten sind. Die offenbar gesundheitsfördernden Mikroben eigenen sich somit möglicherweise für die Entwicklung von nasalen Probiotika. Erste Tests mit einem bakterienhaltigen Nasenspray wirken vielversprechend, berichten die Wissenschaftler.

Lange wurden Bakterien vor allem als Feinde betrachtet – doch seit einigen Jahren hat sich diese einseitige Sichtweise gewandelt: Es wird zunehmend klar, wie wichtig eine günstige mikrobielle Besiedlung für die Gesundheit von Mensch und Tier ist. Forscher sprechen sogar von einem Metaorganismus, den wir gemeinsam mit unseren mikrobiellen Bewohnern bilden. Vor allem in unserem Darm leben große Mengen von Bakterien, die für die Verdauung und das Immunsystem eine wichtige Rolle spielen. Darüber hinaus haben Studien auch die Bedeutung einer gesunden Zusammensetzung der Bakteriengemeinschaften auf der Haut des Menschen und im Genitaltrakt der Frau aufgezeigt.

Einem bisher kaum erforschten menschlichen Lebensraum haben nun die Forscher um Sarah Lebeer von der Universität Antwerpen eine Studie gewidmet: der Nase. Wie Lebeer berichtet, entstand ihr Interesse für die Flora dieses Organs durch die häufigen Nasen- und Nasennebenhöhlenentzündungen (Chronische Rhinosinusitis) ihrer Mutter. „Sie hat viele verschiedene Behandlungen ausprobiert, aber keine funktionierte“, so die Wissenschaftlerin. Bei der Rhinosinusitis kommt es zu häufigen Infektionen der Schleimhäute, die mit starker Sekretion, einer Blockade der Nase und Druckgefühl verbunden sind. „Ich fand es schade, dass ich ihr keine Probiotika mit guten Bakterien für die Nase empfehlen konnte“, sagt Lebeer, die sich in früheren Studien mit Darm- und Vaginalprobiotika beschäftigt hat. „Niemand hatte bis dahin die Nasen-Flora genauer untersucht“, so die Wissenschaftlerin.

In gesunden Nasen leben Milchsäurebakterien

Um nun Bakterien auf die Spur zu kommen, die möglicherweise eine Rolle bei der Neigung zu Schleimhautentzündungen spielen, untersuchten Lebeer und ihre Kollegen Abstriche von 100 gesunden Personen und 225 Patienten mit chronischer Rhinosinusitis. Durch genetische Methoden analysierten sie dabei, ob es charakteristische Unterschiede in der Zusammensetzung der mikrobiellen Bewohner der Nase zwischen den beiden Gruppen gibt. So stellten sie fest, dass die gesunden Probanden eine deutlich größere Fülle an Bakterien aus der Gruppe der Milchsäurebakterien (Laktobazillen) in der Nase aufwiesen. Dabei handelt es sich um alte Bekannte: Laktobazillen sind stäbchenförmige Bakterien, die in der gesunden Darm- und Vaginalflora vorkommen und dort unter anderem die Ausbreitung von Krankheitserregern eindämmen.

Anzeige

Den Forschern gelang es im Rahmen ihrer Studie anschließend auch, einen speziellen Stamm der nasalen Laktobazillen zu isolieren. Durch Laborexperimente konnten sie zeigen, dass diese Mikroben das Wachstum von potenziell krankheitserregenden Bakterien unterdrücken und auf Kulturen von Schleimhautzellen besonders gut gedeihen. Die nasalen Laktobazillen besitzen zudem spezielle Anpassungen an ihren Lebensraum, zeigten weitere Analysen: Während andere Laktobazillen eher unter sauerstoffarmen Bedingungen gedeihen, besitzt der identifizierte Stamm genetische Anpassungen an die sauerstoffreiche Umgebung in der Nase, berichten die Wissenschaftler. Darüber hinaus zeigten mikroskopische Untersuchungen, dass die Mikroben haarähnliche Anhängsel besitzen, mit denen sie sich an den Oberflächen der Nasenschleimhäute festhalten können.

Ein probiotisches Nasenspray in Sicht

Im Rahmen ihrer Studie entwickelten die Forscher auch bereits ein experimentelles probiotisches Nasenspray, um das Potenzial der nasalen Laktobazillen weiter auszuloten. Die Laborergebnisse und die lange Geschichte der sicheren Anwendung von Laktobazillen erlaubten es, die Suspension mit den lebenden Bakterien gleich am Menschen statt an Tieren zu testen. 20 gesunde Freiwillige benutzten das Spray zwei Wochen lang einmal täglich und wurden anschließend untersucht. So konnten die Forscher zeigen, dass die Bakterien die Nase ohne nachteilige Auswirkungen besiedelten. Wie sie betonen, war dieser Test des Sprays noch nicht darauf ausgerichtet, die heilsamen Wirkungen zu untersuchen. Doch wie Lebeer und ihre Kollegen berichten, sagten einige Teilnehmer, dass sich ihre Nasenprobleme verringert und die Atmung verbessert hätten.

Die Forscher wollen nun auf ihre vielversprechenden Ergebnisse aufbauen und das Potenzial der nasalen Laktobazillen weiter ausloten sowie ihre Wirkung nachweisen. Das Ziel ist dabei letztlich, probiotische Therapeutika zu entwickeln. „Sinusitis-Patienten haben nicht viele Behandlungsmöglichkeiten und mit den zur Verfügung stehenden Therapien treten oft Probleme wie Antibiotikaresistenzen und Nebenwirkungen auf“, sagt Lebeer. „Wir denken, dass es für bestimmte Patienten von Vorteil wäre, ihre Nasen-Flora zu optimieren und nützliche Bakterien in ihre Nase einzuführen, um bestimmte Symptome zu verringern“. Bis entsprechende Probiotika verfügbar sind, sind allerdings noch einige Untersuchungen nötig, gibt die Wissenschaftlerin zu bedenken. Doch es scheint sich abzuzeichnen, dass wir uns eines Tages gezielt mikrobielle Freunde in die Nase einladen können.

Quelle: Cell Press, Fachartikel: Cell Reports, doi: 10.1016/j.celrep.2020.107674

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Pa|tho|ge|ne|se  〈f. 19; Med.〉 Entstehung, Entwicklung einer Krankheit [<grch. pathos ... mehr

Hy|po|tro|phie  〈f. 19〉 mangelhafte Ernährung (von Organen od. Muskeln); Ggs Hypertrophie ... mehr

Oxal|salz  〈n. 11; Chem.〉 = Oxalat

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige