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Masern hemmen Erregerabwehr

Masern
Kleinkind mit Masern. (Bild: CDC)

Einige Menschen halten die Masern noch immer für eine harmlose Kinderkrankheit – zu Unrecht. Denn die Virusinfektion kann nicht nur tödlich enden, sie hat selbst bei glimpflichem Verlauf eine schwerwiegende Nachwirkung, wie nun zwei Studien belegen. Demnach zerstört das Masernvirus spezifische Antikörper gegen andere Erreger und macht so zuvor erworbene Abwehrkräfte zunichte. Auch die Gedächtniszellen des Immunsystems werden dezimiert. Kinder, die die Masern durchleben, sind dadurch noch monatelang anfälliger selbst für die Krankheiten, gegen die sie eigentlich immun sein müssten. Nach Ansicht der Forscher ist dies ein Grund mehr, Kinder gegen Masern impfen zu lassen, denn die Gefahr durch dieses Virus ist deutlich größer als landläufig angenommen.

Die Masern sind eine hochansteckende und in manchen Fällen tödliche Viruserkrankung. Bei schweren Verläufen können durch Entzündungen des Gehirns geistige Behinderungen zurückbleiben, in rund 20 Prozent der von dieser Meningoenzephalitis betroffenen Fälle enden die Masern sogar tödlich. Obwohl es eine hochwirksame Impfung gegen die Masern gibt, nehmen die Masernfälle gerade in den Industrieländern in den letzten Jahren deutlich zu – wie viele Eltern ihre Kinder nicht mehr impfen lassen wollen. Allein in Europa gab es dadurch im ersten Halbjahr 2018 mehr als 40.000 Masernfälle und auch in diesem Jahr hat es mehrfach lokale Ausbrüche gegeben – auch in Deutschland. Weltweit infizieren sich nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO mehr als sieben Millionen Menschen. Mehr als 100.000 Betroffene sterben jedes Jahr an der Krankheit.

Anfälliger auch für andere Infektionen

Jetzt belegen zwei Studien, dass eine Maserninfektion selbst dann schwerwiegende Nachwirkungen haben kann, wenn die Krankheit vermeintlich harmlos verläuft. Anstoß für die aktuellen Untersuchungen lieferten frühere Hinweise darauf, dass Masernpatienten nach ihrer Gesundung auffallend häufig an anderen Infektionen erkranken – teilweise selbst an solchen Krankheiten, gegen die sie eigentlich geimpft waren. Ausgehend von diesen Beobachtungen vermuteten Mediziner bereits, dass das Masernvirus das Immunsystem nachhaltig beeinträchtigt. „Die Vermehrung des Masernvirus in Abwehrzellen könnte das Immungedächtnis schwächen und potenziell eine Art ‚immunologische Amnesie‘ hervorrufen“, erklären Michael Mina von der Harvard Medical School in Boston und seine Kollegen. Doch ob es diesen masernassoziierten „Gedächtnisschwund“ tatsächlich gibt und wie er zustande kommt, blieb unklar.

Um mehr über die immunologischen Nachwirkungen der Maserninfektion herauszufinden, haben Mina und sein Team nun Blutproben von 77 nicht geimpften Schulkindern ausgewertet, die 2013 in den Niederlanden eine Maserninfektion durchlebt hatten. Die erste Blutprobe war vor der Erkrankung und die zweite bis zu zwei Monate danach entnommen worden. Zum Vergleich untersuchten zusätzlich Blutproben von gegen Masern geimpften sowie von ungeimpften, nicht erkrankten Kindern. Mithilfe eines speziellen Testverfahrens namens VirScan konnten die Forscher untersuchen, welche und wie viele Antikörper gegen verschiedene Viren und Bakterien im Blut der Kinder präsent waren. Solche spezifischen Antikörper bildet das Immunsystem nach vorherigem Kontakt mit einem Erreger oder durch eine Impfung. Sie sind eine der wichtigsten Waffen des Körpers gegen Infektionen.

Masernvius „löscht“ Immungedächtnis

Die Auswertungen ergaben: Vor der Masernerkrankungen trugen alle Kinder zahlreiche Antikörper gegen gängige Erreger in sich, wie für gesunde Schulkinder typisch. Doch nach der Masernerkrankung sank die Menge und Vielfalt der Antikörper deutlich: „Die Maserninfektionen waren mit einer mittleren Reduktion des Antikörper-Repertoires um 20 Prozent verknüpft“, berichten Mina und seine Kollegen. Die Spanne reichte dabei von elf Prozent Verlusten bei einigen nur leicht erkrankten Kindern bis zu einem um 73 Prozent verringerten Antikörperbestand bei schwerer erkrankten. Im Gegensatz dazu behielten sowohl die geimpften als auch die nichterkrankten ungeimpften Kinder ihren vollen Immunschutz. In einem ergänzenden Experiment mit Makaken stellten die Forscher fest, dass diese Schwächung des Immungedächtnisses auch fünf Monate nach der Maserninfektion noch anhält.

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Auf welche Weise die Masernviren die spezifischen Antikörper beseitigen, hat ein zweites Forscherteam um Velislava Petrova vom Wellcome Sanger Institute in Cambridge herausgefunden. Sie führten Genanalysen von B-Gedächtniszellen aus den Blutproben der Kinder durch – der Zellen, die die Produktion der spezifischen Antikörper kontrollieren. Es zeigte sich, dass die Masernviren die bereits auf bestimmte Erreger geprägten B-Zellen deutlich dezimierten. Zusätzlich regten sie das Wachstum neuer, naiver Gedächtniszellen an. „Damit sehen wir zum ersten Mal, dass die Masern das Immunsystem quasi zurücksetzen – auf das Stadium eines Säuglings“, sagt Co-Autor Colin Russell von der Universität Amsterdam. Durch dieses Löschen von Abwehrinformationen geht selbst der Immunschutz durch frühere Impfungen beispielsweise gegen Grippe wieder verloren. Das erklärt, warum Menschen nach einer Masernerkrankung häufiger auch an anderen Infekten erkranken.

„Dies ist der Beweis dafür, dass die immunologische Amnesie existiert und dass die Masern das Langzeitgedächtnis unseres Immunsystems beeinträchtigen“, sagt Mina. Durch die Zerstörung der Antikörper löscht eine Maserninfektion einen Teil dieses Immungedächtnisses. Dadurch kann der Körper selbst gegen andere Viren und Bakterien nicht mehr effektiv kämpfen. „Unsere Immunität gegen Erreger ist vergleichbar mit einer Sammlung von Steckbriefen der meistgesuchten Kriminellen“, verdeutlicht Mina. „Doch dann reißt jemand Löcher in die Fotos und macht es damit schwer, die Kriminellen noch zu erkennen.“ Nach Ansicht der Wissenschaftler bestätigen ihre Ergebnisse, dass das Masernvirus noch gefährlicher ist als angenommen – und dass eine Masernimpfung nicht nur vor diesem Virus schützt, sondern auch vor einer Immunschwäche gegen viele andere Erreger.

Quelle: Michael Mina (Harvard Medical School, Boston) et al., Science, doi: 10.1126/science.aay6485; Velislava Petrova (Wellcome Sanger Institute, Cambridge) et al., Science Immunology, doi: 10.1126/sciimmunol.aay6125

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