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Gesundheit+Medizin Nachgefragt

Wie oft ertönt Sprache im Mutterleib?

Ungeborene sind im Durchschnitt etwa vier Stunden pro Tag dem Klang von Sprache ausgesetzt. Die Forscher heben dabei allerdings die große Variationsbreite hervor. (Bild: monkeybusinessimages/iStock)

Babys im Mutterleib hören mit! Vermutlich wird auch schon vor der Geburt das Fundament für die spätere Sprachentwicklung gelegt, lassen Studien vermuten. Doch wie oft sind Ungeborene typischerweise dem Klang von Sprache ausgesetzt? Dieser Frage sind Forscher nun gezielt nachgegangen. Die Ergebnisse sollen der Erforschung der pränatalen Sprachentwicklung dienen und möglicherweise Informationen für die optimale Soundkulisse in Brutkästen von Frühgeboren liefern.

Der Mutterleib ist keineswegs eine stille Höhle, in der sich ein Baby in buchstäblicher Ruhe entwickelt: Es ist klar, dass viele Geräusche zu dem Ungeborenen vordringen. Studien haben zudem gezeigt, dass die Kleinen ab einer bestimmten Entwicklungsstufe auch auf diese Klänge reagieren. „Es zeichnet sich ab, dass Föten im dritten Schwangerschaftsdrittel hören, lernen und Erinnerungen bilden“, sagt Brian Monson Universität von Illinois in Urbana-Champaign.

In einer früheren Studie haben er und seine Kollegen bereits Hinweise dazu gefunden, dass Frühgeborene, die zu Beginn des letzten Schwangerschaftsdrittels geboren wurden, Verzögerungen bei der Entwicklung des Hörzentrums im Gehirn aufweisen. Dies kann wiederum mit Beeinträchtigungen der Sprachentwicklung im Alter von zwei Jahren verbunden sein, stellten die Forscher fest. Diese Ergebnisse warfen die Frage auf, inwieweit die vermutlich vergleichsweise spracharme Klangkulisse in Intensivstationen an der Problematik beteiligt sein könnte.

Um grundlegende Informationen darüber zu gewinnen, wie oft Ungeborene im Mutterleib typischerweise Sprache hören, haben Monson und seine Kollegen Schwangere mit Audiorekordern ausgerüstet, die kontinuierlich Geräusche im Umfeld der Frauen erfassten. Anschließend filterten dann Computerprogramme aus den Audiodaten heraus, inwieweit das Ungeborene täglich Sprachklängen ausgesetzt war. Die Ergebnisse haben Monson und seine Kollegen nun auf dem Treffen der Acoustical Society of America in Louisville präsentiert.

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Durchschnittlich vier Stunden – mit großer Variationsbreite

Wie sie berichten, sind Ungeborene demnach im Durchschnitt etwa vier Stunden pro Tag Sprache ausgesetzt. Die Forscher heben dabei allerdings die große Bandbreite der Intensität besonders hervor. Man kann sich gut vorstellen, dass je nach den jeweiligen Lebensumständen der Schwangeren viel oder wenig Sprache in ihrem Bauch zu hören ist. Wie die Wissenschaftler berichten, reicht das Ausmaß von fünf Stunden Sprache pro Tag bis zu nur zwei Stunden und 45 Minuten. „Einige Föten bekommen im Verlauf des dritten Trimesters im Durchschnitt nur 60 Prozent der Sprachexposition ihrer Altersgenossen ab“, sagt Monson.

Diese Bandbreite ermöglicht nun wiederum weiterführende Untersuchungen, sagen die Forscher. Sie planen, die Babys aus der Studie nun drei Monate nach der Geburt einem Hörtest zu unterziehen, um festzustellen, ob es einen Zusammenhang zwischen der zuvor festgestellten Sprach-Exposition vor der Geburt und der Entwicklung des Hörzentrums des Gehirns gibt. Zudem wollen Monson und seine Kollegen eine ähnliche Studie mit frühgeborenen Babys auf Intensivstationen durchführen.

Sie hoffen, dass ihre Ergebnisse weitere Einblicke in die Bedeutung der pränatalen Eindrücke für die Sprachentwicklung gewähren können. Zudem könnten sich wichtige Informationen für den Umgang mit Frühgeborenen ergeben. Letztlich ist es das Ziel, ihnen eine möglichst günstige Soundkulisse in ihrem zwangsläufig unnatürlichen Umfeld zu ermöglichen.

Quelle: Acoustical Society of America, Presentation #2pSC20, „Average daily speech exposure for fetuses,“177th Meeting of the Acoustical Society of America, Louisville

Wenn Sie eine Frage oder einen Themenvorschlag für unsere Rubrik „Nachgefragt“ haben, schicken Sie uns einfach eine E-Mail an: fragen@wissenschaft.de

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