Anzeige
Anzeige

Gesundheit+Medizin

Wohlstand und soziale Sicherung: So beeinflussen Vor- und Fürsorgesysteme die nationale Produktivität

Graph
Die Sozialpolitik eines Landes hat große Auswirkungen auf die Produktivität (Bild: Pixabay.com, geralt (CC0 Public Domain))
Auch wenn das Gesundheits- und Pensionssystem hierzulande öfters in der Kritik steht: Es lässt einen ruhig einschlafen mit dem Wissen, dass der Staat beispielsweise im Krankheitsfall oder beim Verlust der Wohnung die Fürsorge übernimmt und einen auch nach dem Ende der aktiven beruflichen Laufbahn mit einem regelmäßigen Einkommen versorgt. Fehlen diese wichtigen Faktoren, hat das auch Auswirkungen auf die nationale Produktivität.

Fürsorgesysteme: Welchen Einfluss haben sie auf die Produktivität?

Fürsorge ist ein wichtiger Teil der Sozialpolitik in jedem Land. In Deutschland kam es im Jahr 2005 zu einem Systemumbruch durch die Hartz IV Reform. Im Gegensatz zum Arbeitslosgengeld II wurden davor bei der sogenannten „Arbeitslosenhilfe“ noch Beiträge zur Rentenversicherung eingezahlt und es bestand auch kein Zwang, bestimmte Jobs anzunehmen. Vereinfacht ausgedrückt: Die soziale Hängematte war damals noch etwas bequemer.

Deutschland liegt damit jedoch im internationalen Trend. Kaum ein Land leistet sich noch ein großzügiges Sozialsystem und die meisten Staaten haben seit den 1980er Jahren ebenfalls Kürzungen vorgenommen. Eine der ersten, die mit dem Abbau des Sozialstaats begann, war die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher, was ihr den Beinamen „Eiserne Lady“ einbrachte.

Das hat einerseits zur Konsequenz, dass der Staat für den einzelnen Menschen im Bedarfsfall weniger Geld aufwenden muss. Allerdings bergen diese Systeme die Gefahr, dass damit eine neue Gesellschaftsklasse geschaffen wird. Nicht zufällig hat sich in Deutschland die Redewendung „Ich geh harzen“ verbreitet. Einmal in dem System auf der untersten Stufe gefangen, wird es für die Betroffenen immer schwieriger, diesem wieder zu entfliehen. Der Status lastet auf ihnen wie ein Fluch.

Auf die nationale Produktivität haben diese Systeme zwei völlig konträre Auswirkungen. Einerseits geht dadurch ein Gutteil an möglicher Arbeitsleistung verloren, weil sich die Leistungsempfänger oftmals auf ihr niedriges finanzielles Niveau eingestellt haben und dadurch keinen Anreiz sehen, wieder einen Job anzunehmen. Vor allem auch deshalb, weil das gleichbedeutend mit dem Verlust unterschiedlicher Förderungen verbunden ist, die von ihnen in Anspruch genommen werden.

Anzeige

Auf der anderen Seite haben viele Menschen auch einfach Angst, durch einen Jobverlust in diese niedrige Klasse „abzurutschen“. Als Folge davon erklären sie sich bei Verlust ihres Arbeitsplatzes auch zur Annahme von Jobs mit niedrigeren Einkommen und „minderwertigeren“ Tätigkeiten bereit. Das sind allerdings genau jene Arbeitsplätze, die den Hartz IV Empfängern einen Ausweg aus ihrer Situation bieten könnten, nun aber anderweitig blockiert werden.

Wichtig ist jedoch auch, die Begriffe „arbeitslos“ und „nicht erwerbstätig“ nicht zu verwechseln. Bei Arbeitslosen wird davon ausgegangen, dass sie auf der Suche nach einer Beschäftigung sind. Bei nicht Erwerbstätigen hingegen handelt es sich um Personen, die aufgrund ihres Alters vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind (zum Beispiel Kinder) oder einer anderen Tätigkeit nachgehen, die jedoch nicht entlohnt wird, wie zum Beispiel der Arbeit im eigenen Haushalt oder der Ausübung eines Ehrenamtes.

Hier ist wichtig, dass die nationalen Systeme diesen Menschen die Möglichkeit bieten, sich bei einer anderen Person, beispielsweise den Eltern oder dem Ehepartner, mitversichern zu lassen. In Deutschland profitieren Ehepartner von der kostenlosen Familienversicherung über den Ehemann oder die Ehefrau über die gesetzliche Krankenversicherung (GKV). Diese unterliegt allerdings einer bestimmten Einkommensgrenze.

Vor allem für Familien, bei denen der Ehe- oder Lebenspartner im Staatsdienst arbeitet, ergeben sich durch die private Krankenversicherung (PKV) wesentliche Vorteile und reduzieren die Kosten für den Gesundheitsschutz auf ein Minimum. Die PKV für Ehepartner ermöglicht somit Familien eine soziale Absicherung, auch wenn der Partner nicht in einem bezahlten Arbeitsverhältnis steht.

Vorsorgesysteme: Die einzelnen Modelle im Ländervergleich

Laut einer Studie des Beratungshauses Mercer, bei der die einzelnen Rentensysteme der Länder weltweit einem Vergleich unterzogen wurden, rangiert Deutschland im oberen Mittelfeld. Auf den Spitzenplätzen landen vor allem die skandinavischen Länder und Australien. Auf den letzten drei Plätzen befinden sich hingegen mit der Türkei, Argentinien und Thailand Länder aus völlig unterschiedlichen Gegenden der Erde.

Vor allem punkto Nachhaltigkeit hinkt Deutschland anderen Systemen jedoch weit hinterher. Genau die ist aber erforderlich, damit das System auch in Zukunft aufrechterhalten werden kann. Die Bewohner hierzulande fürchten also nicht zu Unrecht, selbst irgendwann von Altersarmut betroffen zu sein, wenn sie nicht entsprechend zusätzlich vorsorgen.

Laut Mercer kann das deutsche System nur dann vor dem Kollaps bewahrt werden, wenn das umlagefinanzierte System durch kapitalgedeckte Modelle ergänzt wird und die Teilnahmequoten in der betrieblichen Altersversorgung deutlich erhöht werden.

Darüber hinaus sind Maßnahmen erforderlich, die zu einer Erhöhung der Erwerbsquote von älteren Arbeitnehmern führen. Entgegen der Meinung vieler Deutscher funktioniert das seit Jahren immer besser. In den letzten 20 Jahren hat sich die Beschäftigungsquote der 60- bis 64-Jährigen nahezu verdreifacht und liegt mit über 56 Prozent nicht mehr weit unter dem Durchschnitt aller Altersgruppen.

Zurückzuführen ist dieser Effekt auf das Auslaufen der 58er-Regelung im Jahr 2008. Bis dahin mussten sich Arbeitslose ab 58 Jahren nicht mehr um einen neuen Job bemühen und erhielten ihr Arbeitslosengeld dennoch bis zum Rentenantritt.

Voraussetzung, um ältere Personen einen Job zu verschaffen, ist ein entsprechendes Angebot an verfügbaren Arbeitsplätzen. Hier ist die Politik des jeweiligen Staates gefordert, entsprechende Anreize für die Unternehmen zu setzen. Gelingt das, hat das auch einen entscheidenden Einfluss auf die Produktivität des Landes insgesamt.

Die einfache Rechnung: Mehr Menschen in Beschäftigung sorgen in der Regel auch für eine höhere Wirtschaftsleistung. In der Fachsprache ist hier vom sogenannten Humankapital die Rede.

Entscheidend ist hier nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität. Deshalb ist es wichtig, als Staat dafür Sorge zu tragen, den Menschen im Krankheitsfall eine gute Versorgung zukommen zu lassen. So werden sie möglichst schnell wieder einsatzfähig und stehen in Folge wieder als Humankapital zur Verfügung. Einen wesentlichen Anteil an der Qualität hat die Bildung: Je besser das Werkzeug, desto höher der Output. Das gilt auch, wenn der Mensch als Werkzeug für die Wirtschaftsleistung gesehen wird.

Fazit

Vor- und Fürsorgesysteme und der damit verbundene Wohlstand der Menschen sind kein Selbstzweck eines Staates, sondern darauf ausgerichtet, für eine möglichst hohe Produktivität zu sorgen. Der Verzicht darauf bringt deshalb bloß einen kurzfristigen Kostenvorteil, führt jedoch auf lange Sicht zu einem Verlust an Produktivität.

22.02.2021

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Bak|te|rie  〈[–ri] f. 19〉 = Bakterium

Kie|fern|spin|ner  〈m. 3; Zool.〉 Spinner aus der Familie der Glucken, dessen Raupen im August schlüpfen, sie überwintern u. vernichten durch Fraß im Frühjahr den Kiefernaustrieb: Dendrolimus pini

Welt|hilfs|spra|che  〈f. 19〉 künstlich aufgebaute, aus verschiedenen Elementen mehrerer Sprachen zusammengesetzte Sprache, die den Verkehr zw. den Völkern erleichtern soll, z. B. das Esperanto, Volapük; Sy Kunstsprache ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige