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Zoonosen: Gefahr Tier präzisiert

Zoonosen
Potenziell für uns Menschen gefährliche Viren kommen gehäuft in Tieren in unserer Umgebung vor. (Bild: Thomas Faull/ iStock)

Ob Covid-19, Influenza oder Ebola: Viele Infektionskrankheiten stammen ursprünglich aus dem Tierreich – ihre Erreger sind von tierischen Trägern auf den Menschen übergesprungen. Jetzt belegt eine Studie, dass unsere Landnutzung solche Zoonosen in großem Maße fördert. Denn die Tierarten, die in vom Menschen geprägten Landschaften besonders gedeihen, sind meist auch besonders effektive Reservoire zoonotischer Erreger. Im Schnitt nimmt ihr Anteil in urbanen Gegenden um bis zu 72 Prozent zu, die Zahl der Individuen sogar um bis zu 144 Prozent, wie die Forscher ermittelten. Die Gefahr neuer Epidemien lauert demnach eher vor unserer Haustür.

60 bis 75 Prozent aller neu auftretenden Infektionskrankheiten werden von Erregern ausgelöst, die von einem Tier auf uns Menschen übergesprungen sind. Auch das neue Coronavirus Sars-CoV-2 entwickelte sich ursprünglich in Fledermäusen und erwarb dabei Eigenschaften, die ihm den Befall menschlicher Zellen und damit den Artsprung ermöglichten. Viele dieser Zoonosen entstehen dort, wo Mensch und Tier in engem Kontakt beieinander leben, beispielsweise in der Nutztierhaltung. So sind beispielsweise Schweine oder Geflügel häufige Reservoire für potenziell zoonotische Influenzaviren. Gefährlich kann es aber auch dort werden, wo der Mensch in zuvor unberührte Gebiete eindringt oder den Lebensraum von wilden Tieren zerstört. Denn dies schafft dann plötzlich neue Kontakte zwischen Mensch und Wildtier, die auch dessen Parasiten und Erregern die Chance zum Überspringen bieten.

Anthropogene Landschaften sind Zoonose-trächtiger

Welche Rolle Veränderungen der natürlichen Lebensräume durch die Landnutzung des Menschen spielen, haben nun Rory Gibb vom University College London und seine Kollegen in globalem Maßstab untersucht. „Die Art und Weise, wie der Mensch Landschaften rund um die Welt verändert, beispielsweise indem er aus Wald Äcker macht, hat Einflüsse auf viele wildlebende Tierarten. Sie lässt einige Arten weniger werden, andere dagegen bleiben da oder werden sogar häufiger“, so Gibb. Er und sein Team wollten wissen, ob tierische Reservoire zoonotischer Erreger eher zu den Gewinnern oder Verlierern der anthropogenen Landnutzung gehören. Dafür werteten die Forscher Datensätze aus 6801 Ökosystemen weltweit aus, die in unterschiedlich starkem Maße vom Menschen beeinflusst sind – die Spanne reichte von unberührten Gegenden bis hin zu Ballungsräumen und Großstädten. Unter den Spezies dieser Lebensgemeinschaften gehörten 376 Tierarten zu denjenigen, die mindestens ein Virus oder Bakterium in sich tragen, das auch beim Menschen Krankheiten auslösen kann.

Die Wissenschaftler verglichen, wie hoch der Anteil dieser zoonoseträchtigen Tierarten und die Häufigkeit ihrer Individuen in natürlichen und in vom Menschen geprägten Habitaten ist. Die Auswertung ergab, dass potenzielle Wirtsarten zoonotischer Erreger eher zu den Gewinnern der Landnutzungsveränderungen gehörten. Sie kommen in landwirtschaftlich oder anderweitig stark anthropogen beeinflussten Lebensräumen gut 20 Prozent häufiger vor als Nichtwirtsarten. In urbanen Gebieten nimmt ihr Anteil sogar um 62 bis 72 Prozent zu, die Häufigkeit der Individuen dieser Spezies um 136 bis 144 Prozent.“ Unsere Ergebnisse zeigen damit, dass die Tiere, die in den vom Menschen dominierten Umgebungen bleiben, auch diejenigen sind, die Erreger potenziell krankmachender Krankheiten in sich tragen“, sagt Gibb. Mit anderen Worten: Die Gefahr von Zoonosen lauert weniger im unberührten Dschungel als vielmehr vor unserer städtischen oder dörflichen Haustür.

Mehr Wirtsarten unter den Kulturfolgern

Nähere Analysen zeigten auch, welche potenziellen Zoonose-Überträger am meisten von den menschengemachten Veränderungen der Landschaften profitieren. Dafür hatten die Wissenschaftler Daten zu Vorkommen und Häufigkeit von Wirtsarten und Nichtwirtsarten aus verschiedenen Gruppen der Säugetiere an gut 2000 Standorten verglichen. Auch dabei zeigte sich, dass Nichtwirtsarten oft eher zu den Verlierern gehören, während Wirtsarten zoonotischer Erreger eher vom Einfluss des Menschen profitieren. Besonders deutlich war dies bei den Fledermäusen, Sperlingsvögeln und Nagetieren zu beobachten, wie Gibb und seine Kollegen berichten. Unter diesen Tiergruppen sind nicht nur viele potenzielle Überträger von krankmachenden Viren, sondern diese sind auch meist erfolgreiche Kulturfolger des Menschen.“ Eine solche Tendenz wurde zwar schon zuvor in Bezug auf einige Krankheiten beobachtet. Unsere Resultate deuten nun aber darauf hin, dass dies ein generelles Phänomen in diesen Tiergruppen sein könnte“, so die Forscher.

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Sie vermuten, dass bestimmte biologische Merkmale die potenziellen Überträgerarten sowohl zu geeigneten Virenreservoiren als auch zu erfolgreichen Kulturfolgern machen könnten. So begünstigt eine kurze Generationszeit und hohe Fortpflanzungsrate die Anpassung an anthropogene Veränderungen der Umwelt, gleichzeitig gehen diese Merkmale oft mit einem besonders aktiven Immunsystem und einer hohen Erregertoleranz einher. Das wiederum sorgt dafür, dass diese Tierarten, wie beispielsweise Ratten oder Fledermäuse, viele Erreger in sich tragen können, ohne selbst schwerkrank zu werden. „Ausbrüche von zoonotischen Krankheiten scheinen zunehmend häufiger zu werden. Unsere Ergebnisse können dabei helfen, das Muster dieser Ausbrüche zu erklären, indem sie die ökologischen Prozesse dahinter klären“, sagt Gibbs Kollege David Redding. Gleichzeitig unterstreichen die Forscher die Notwendigkeit, gerade Gebiete mit starken Veränderungen der Landnutzung intensiv auf neu auftretende Krankheiten zu überwachen.

Quelle: Rory Gibb (University College London) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-020-2562-8

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