
Herr Prof. Ketterle, 2020 wird das Bose-Einstein-Kondensat 25 Jahre alt. Was zeichnet es aus?
In einem Bose-Einstein-Kondensat marschieren viele Atome oder Moleküle im Gleichschritt, sie bewegen sich als eine einzige Welle. Dieser Zustand stellt sich ein, wenn man Gase auf sehr tiefe Temperaturen von wenigen milliardstel Grad (Nanokelvin) über dem absoluten Nullpunkt bei minus 273,15 Grad Celsius abkühlt.
Was ist aus der Entdeckung geworden, für die Sie mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden?
Das Forschungsgebiet floriert. Es zieht immer noch die besten jungen Wissenschaftler an. Nach wie vor werden neue Stellen an Universitäten geschaffen, um daran zu arbeiten. Und es gibt immer wieder Überraschungen: Anwendungen, an die niemand gedacht hatte. Dabei geht es etwa um magnetische Eigenschaften: Wir stellen magnetische Kondensate her, an denen sich ungewöhnliche Phänomene untersuchen lassen. Eine andere Forschungsrichtung ist die „eiskalte Chemie“: die Untersuchung chemischer Reaktionen bei Temperaturen im Nanokelvin-Bereich. Dazu brauchen wir nicht nur Atome, sondern auch Moleküle.
Was lernt man aus der eiskalten Chemie?
Wenn man zu ultratiefen Temperaturen geht, hat man die volle Kontrolle über die Quantenzustände der beteiligten Atome und Moleküle. Dann entspricht eine chemische Reaktion einem Übergang von einem Quantenzustand in einen anderen. So lassen sich chemische Prozesse viel detaillierter studieren als bei höheren Temperaturen.
Mit welchen Stoffen arbeiten Sie?
Inzwischen haben wir einen weiten Bereich des Periodensystems für die Bose-Einstein-Kondensation erschlossen. Begonnen hatte es mit Rubidium, Natrium und Lithium. Danach wurden auch Kondensate aus Wasserstoff, Strontium, Ytterbium, Chrom, Dysprosium, Erbium und mehreren anderen Elementen hergestellt. Ultrakalte Moleküle sind etwa Kalziumfluorid oder Dimere aus Alkalimetallen.
Was ist eine mögliche Anwendung?
Kalte Atome haben die Zeitmessung revolutioniert. Die genauesten Uhren, die wir haben – optische Atomuhren – basieren auf ultrakalten Gasen. Sie werden meist mit Strontium- und Ytterbium-Atomen betrieben. Das war ein Grund, diese Stoffe in den Nanokelvin-Temperaturbereich zu bringen. Bose-Einstein-Kondensate sind längst mehr als ein Forschungsgegenstand, sie sind ein Werkzeug für die Forschung geworden.






