Suzanne Currie blickt konzentriert auf den großen Bildschirm. Wirbelsäule mit Rückenmark, Brustkorb mit Herz – auch ein Laie erkennt die Organe sofort. Und den dunklen Klumpen am Rückenmark, der so aussieht, als gehöre er dort nicht hin. „Ein Medullablastom“, erklärt Currie, ein bösartiger Tumor des Gehirns oder Rückenmarks. Mit Diagnosen wie bei der 31 Jahre alten Patientin ist die wissenschaftliche Leiterin des Beatson West Cancer Centre, der größten Krebsklinik in Schottland, häufig konfrontiert, erzählt sie in einem Webinar für Radiotherapieplanung im Januar 2018. 500 Strahlentherapien planen sie und ihre Kollegen jeden Monat – und treffen damit Entscheidungen über Leben und Tod. Ist die Röntgendosis hoch, verschwindet der Tumor, aber gesunde Organe werden eventuell geschädigt. Ist sie zu niedrig, kommt der Tumor vielleicht wieder. Currie bewegt mit der Maus ein paar Schieberegler, die Strahlendosis in Niere und Lunge steigt leicht an, dafür sinkt die Dosisverteilung am empfindlichen Herz drastisch. Currie ist zufrieden: „Damit hat die Patientin gute Heilungschancen“, versichert die Medizinphysikerin.
Keine Wissenschaft, sondern Kunst
Karl-Heinz Küfer bekommt von dem Fall in Schottland nichts mit. Trotzdem wird es auch ein wenig sein Verdienst sein, wenn die Patientin überlebt. Denn die Software, mit der Suzanne Currie ihren Therapieplan optimiert, stammt aus der Abteilung Optimierung des ITWM, die Küfer leitet. Früher, so sinniert er, sei die Suche nach dem optimalen Therapieplan wie die Suche von Gegenständen im Dunkeln gewesen. „Mit viel Erfahrung konnten nur langgediente Spezialisten gute Lösungen für schwierige Fälle finden“, sagt Küfer. Ein Chefplaner in den USA habe ihm 2001 gesagt: „That’s no science, it’s an art“ (keine Wissenschaft, sondern Kunst). Heute hilft Mathematik, eine bessere Balance zwischen Therapiechance und Nebenwirkungen zu finden.
1996 wurde Karl-Heinz Küfer von einem Doktoranden eines Klinikums angesprochen: „Ich habe da ein numerisches Problem, könnt ihr das lösen?“ Konkret ging es um die Frage, wie man Strahlentherapie algorithmisch besser planen könne. Der Forscher fand die Frage interessant und dachte mit Kollegen über andere Möglichkeiten der Planungsweise nach. 1997 wurde er bei Thomas Bortfeld vorstellig, einem der Väter der intensitätsmodulierten Strahlentherapie, damals noch am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg und heute am Massachusetts General Hospital in Boston. Bortfeld nahm Papier und Bleistift und zeichnete die Umrisse eines hufeisenförmigen Tumors, der um das Rückenmark wucherte. „Zeigt, dass ihr das etwas besser rechnen könnt“, sagte er. Ein Jahr später, 1998, fuhr Karl-Heinz Küfer erneut ans DKFZ: „Mit dem Beweis, dass wir es rechnen können. Ab dann waren wir im Geschäft“.







