von RALF BUTSCHER
Monatelang sorgte 2024 die Internationale Raumstation (ISS) für Schlagzeilen – nicht wegen eindrucksvoller technologischer oder wissenschaftlicher Erfolge, sondern wegen einer menschlichen Misere. Weil es Probleme mit der Raumkapsel „Starliner“ des US-Unternehmens Boeing gab, verzögerte sich die Rückkehr der Besatzung. Letztlich mussten die Astronautin Suni Williams und ihr Kollege Barry Wilmore statt einer Woche, wie ursprünglich geplant, fast zehn Monate im All verbringen – bevor sie schließlich im März 2025 mit einer „Crew Dragon“-Kapsel von SpaceX zurück zur Erde gelangten.
Von solchen misslichen Vorfällen abgesehen war es zuletzt recht ruhig geworden um die ISS. Nach einer herausfordernden Phase des Aufbaus um die Jahrtausendwende waren der Betrieb der Raumstation und die Arbeit der Astronauten an Bord längst zur Routine geworden. Die Montage des bislang mit Abstand größten von Menschenhand gefertigten Objekts im Weltraum hatte im November 1998 begonnen, als eine russische „Proton“-Rakete das erste Modul in die Umlaufbahn der ISS, rund 400 Kilometer über der Erdoberfläche, beförderte. Danach folgten Dutzende weiterer Transportflüge, viele davon mit leistungsstarken „Space Shuttle“-Fähren der NASA. Hinzu kamen 160 Außenbordeinsätze von Besatzungsmitgliedern – sogenannte Weltraumspaziergänge –, während derer die Astronauten etwa technische Anbauten wie Solarpaneele an der ISS montierten. Die Zahl der Menschen, die an Bord der von den Raumfahrtorganisationen der USA, Europas, Russlands, Japans und Kanadas betriebenen Station waren, summiert sich bis heute auf mehr als 260. Seit über 20 Jahren verging kein einziger Tag, an dem die ISS unbesetzt gewesen wäre. Zuletzt besuchten neben professionellen Astronauten auch mehrfach zahlungskräftige Privatpersonen als Touristen den menschlichen Vorposten im Weltall.
Das Datum für den Absturz
Doch nun sind die Tage der Internationalen Raumstation gezählt, die Betreibernationen haben ihr Ende offiziell besiegelt. Auch wenn das fliegende Bauwerk regelmäßig gewartet, repariert und teilweise modernisiert worden ist, nagt doch ein unvermeidlicher Verschleiß an manchen seiner Strukturen. Dazu tragen sowohl die rauen Bedingungen im Weltraum bei, unter anderem durch extreme Temperaturschwankungen, die kosmische Strahlung und Kollisionen mit winzigen Partikeln von Weltraumschrott, als auch die Belastung durch die regelmäßigen Andockmanöver von Raumfähren zum Transport von Menschen oder Material. Bis Ende 2030, so der Plan, soll das 109 Meter lange, 74 Meter breite, 30 Meter hohe und 450 Tonnen schwere Flugobjekt seinen Betrieb einstellen.
Darüber, was danach kommen soll, haben Raumfahrtingenieure lange diskutiert und in einer umfassenden Studie die Vor- und Nachteile verschiedener Alternativen zusammengetragen. Das Fazit: Eine Zerlegung der Raumstation und der Rücktransport der Einzelteile – etwa als Museumsstücke – zur Erde, wäre sehr aufwendig und teuer; ein Anheben der kompletten Station auf eine deutlich höhere Umlaufbahn, wo sie als technisches Monument noch viele Jahrzehnte unbenutzt weiterfliegen könnte, wäre technologisch sehr anspruchsvoll. Ein unkontrollierter Absturz bärge ein hohes Risiko für bewohnte Regionen.





